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Übers Leben

Wolfsstunde

Mein Physik Professor an der Universität vor langer Zeit, ein richtig netter und tiefer deutscher ‘Gentleman’ von schon höherem Alter, berichtete damals von Stunden, in denen er Nachts nicht schlafen konnte. Er nannte das Wolfsstunde, wobei er allerdings hinzugefügte, dass ihm diese nächtlichen Stunden weniger Melancholie servierte sondern mehr eine gewisse Zeit, mit sich selbst allein zu sein, mit allem was dazu gehört. Mit dem völligen wach sein, erschien es ihm plausibel, sich mit guter Kleidung anzuziehen, einen sorgfältig zubereiteten Kaffee an die Seite zu stellen, und solche Dinge zu überdenken, für die tagsüber eben ganz einfach keine Zeit war. Diese Zeiten, Wolfsstunden, wie er es nannte, wurden dann auch allmählich Bestandteil seines Lebensablaufs.

Für viele sind solche nächtlichen Stunden eher weniger angenehm. So auch für mich, anfangs jedenfalls, bis ich mich eines Tages an meinen Prof erinnerte, der an diesem Tag damals überhaupt Weisheiten von sich gab, die unverstanden und vergessen im Gedächtnis blieben und deren Inhalte erst heute Triebe zeigen.

Das Wachsein will akzeptiert werden. Die Biologie erzählt uns viel von Hormon Pegeln in der Nacht, von Störungen, von unnatürlichen Unterbrechungen in der nächtlichen Ruhepause. Erst mal akzeptiert als Faktum, lassen sich aber solche wolfsstündliche Abschnitte in der Nacht durchaus in positive Erfahrungen verwandeln, bis zu dem Punkt, dass man sich schon freut auf ein paar Momente der Ruhe, mit wachem Geist und kreativen Gedanken. Als Musiker stelle ich fest dass alle meine beste Musik in der Nacht komponiert wurde and wird. Am Tage geht das nicht. Zuviel Druck, Arbeit, Telefonate, emails, Leben und Sorgen. In der Nacht, erst einmal wach und die Schwärze abgeschüttelt, wie zum Beispiel das Einreden dass ‘man’ in der Nacht zu schlafen hat, können die Minuten oder sogar Stunden lebensverändernde Gedanken entstehen lassen.

Eine englisches Buch hat den Titel ‘Tränen in der Nacht, Lächeln am Morgen’. So scheint das auch bei mir zu laufen. Die Freuden, Belange, Sorgen und Nöte meiner Lieben sind dabei ganz oben auf der Liste der Gedanken. Dann kommt tiefe Reue über Vergangenheit über die man nicht immer stolz ist und bis heute auch serviert bekommt von denen die zum wirklichen Verzeihen nicht in der Lage sind. Oder das Trauern über Streitigkeiten die keine sein müssen und es doch stellvertretend für vieles andere sind. Wir leben in einer Pandemie, man hockt aufeinander, die verschiedenen und unterschiedlichen Ansichten schwelen über dem Feuer persönlicher und charakterlicher Unterschiede und bevor man sich versieht, erklingen die Töne unversöhnlicher Streitgespräche wobei die Thematik keine Rolle mehr zu spielen scheint. Es gilt nur noch, Dampf abzulassen und auszuteilen anstatt sich zu besinnen und Erlerntes wirken zu lassen. Ein Lied von mir heißt ‘Müde vom Kampf‘ (‘Tired of the fight’). Auch dieses Lied schrieb ich in der Nacht. Wie satt ich sie heute habe, diese Momente des Ausdrucks unversöhnlicher Gegensätze. Wir brauchen einander. Jetzt mehr denn je. Aber wir streiten weiter. Um nichts. Und nichts Gutes kommt dabei heraus außer eben Dampf abgelassen zu haben. Eine seltsame Rechnung geht auf. Momentane Erleichterung, ein Austausch jedoch von Frustration und schlechten Gefühlen. Man ist eher unglücklicher ist als zuvor, nicht mehr wegen des ursprünglichen Drucks und eingepferchter Frustration sondern durch Gefühle der Schuld, eben mal so richtig jemanden Meinung gesagt zu haben, es aber auch mal so richtig gesagt bekommen zu haben. Wie bescheuert das Ganze ist. Vielleicht ist hier ein bisschen Wolfsstunde eher nötig als lästig. Zur Besinnung zu kommen. Ein jeder kehre vor seiner Tür, so heißt es. Aber auch das zu tun stößt bisweilen auf Kritik. Sich nicht an Streitigkeiten zu beteiligen bedeutet auch, sich dem Risiko auszusetzen, sich Kritik einzuholen, eben nicht verteidigt zu haben was man als belanglos, unnötig oder vielleicht sogar als völlig falsch ansah. Man wird als Schwächling bezeichnet, als Feigling und kraftlos. Jeder Stifter des Friedens weiß dass diejenigen, die auf Einen zählten im Kampf der Worte, das Schweigen, das Schlichten Wollen, als unverzeihliche Schwäche ansehen und es als solche erbarmungslos kritisieren. Und die tiefen Auswirkungen solcher Kritik wirken noch lange nach, lange nachdem die Streithähne sich wieder versöhnt haben. Friedensstifter verlieren immer, zu Gunsten des Friedens der anderen.

Auch solche Gedanken schleichen sich des Nachts ins Gemüt. Das Richtige zu tun erzielt selten den Lohn den es verdient. Aber das ist in Ordnung. Was zählt ist trotz alledem weiterhin das Richtige zu tun.

Zur Ruhe kommen, in diesen stillen Zeiten der Nacht, weniger Melancholie und mehr Besinnung., darauf kann ich in diesen Tagen zählen in der Wolfsstunde, der nächtlichen Zeit der Wache.

Damit belasse ich es jetzt erst mal heute.

Bleibt gesund und macht’s gut. Bis die Tage.

4 Antworten auf „Wolfsstunde“

Interessanter Gedanke. Ich konnte diesen Momenten bisher wenig abgewinnen. Ich bin schon mal aufgestanden, an den Rechner gegangen und war produktiv. Aber sehr selten. Das nächste Mal, wenn ich zur Wolfsstunde wach liege versuche ich an deinen Text zu denken …

Danke auch….es lohnt sich wirklich. Man macht das Beste daraus. Schlafen ist allerdings besser. Geht nur nicht immer.

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