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Übers Leben

The Wanderer

‘Es kann weise nicht werden, der geworden nicht

An Wintern alt im Weltenreiche.’

So steht es geschrieben, in altdeutscher Übersetzung jedenfalls, im uralten angelsächsischen Gedicht ‘The Wanderer’. Meine jüngste Tochter verwies mich kürzlich auf dieses Werk und warf mich damit fast um.

Und der Erzähler fährt fort:

‘Der Weise sei geduldig,

Nicht zu hitzigen Blutes, noch zu hurtig in Worten,

Scheu nicht im Schwertkampf, noch zu schnell im Handeln!

Noch zu froh, noch zu furchtsam, noch zu vielbegehrlich,

Noch bereit zur Ruhmrede, ehe reif die Tat!

Ein Mann vermeide mutig zu prahlen,

Wie wacker er sei, eh‘ sich wohl erwiesen,

Wie des Willens Drang sich wenden möchte‘

Hier spricht eine Seele die alle möglichen Siege errungen hat, die Freuden der Treue zur Sippe kennt, umgeben von gleich Gesinnten sich einst gefühlt hat und angeführt vom vertrauten Heerführer und König. Doch das alles ist lange verloren. Zerstört in verlorenen Schlachten, zu Ruinen verkommen. So scheint es jedenfalls denn ‘The Wanderer’, der Suchende, der Verlorene, der umher Wandernde, sucht nach Worten, um mit Weisheit die Einsicht zu beschreiben die ein solches Leben, solche Erfahrungen ultimativ bescheren.

Lange ist es her, seitdem mich ein so relativ kurzer Text dermaßen beschäftigt hat, etwas mit solch bewegenden Worten Gefühlen, Erfahrungen und Einsichten beschrieben zu sehen, fast wie in Tränen konzentrierte Weisheit.

Doch für was steht Weisheit heute noch? Viele Junge äußern sich herablassend wenn sie das Wort hören. Sie können keine Weisheit ihr eigen nennen, also wird es abgetan. Und die Älteren die vielleicht doch ein bisschen weise sind, oder zu sein glauben, sie machen nicht viel Umstände damit, ist diese Weisheit doch immer mit schwierigen Lebenssituationen errungen worden, mit Krisen und Tiefen im Leben, selbst die kleinste Einsicht.

Das ist eben so mit der Weisheit. Sie hat ihren hohen und schmerzlichen Preis. Einen Preis den in welcher Form auch immer jeder von uns einmal bezahlen muss oder man hat nicht gelebt. Da vergeht einem das Grinsen und Angeben. St Augustinus war weise und auch Johannes vom Kreuz. Viele, viele andere ebenso, doch auch diese Heiligen und Weisen hatten ihre wilden Züge und Zeiten, gezeichnet von Trunkenheit, Raufereien und auch zahlreiche erbärmliche Affären standen auf dem Plan bevor die großen Verwandlungen ihren Lauf nahmen und diese Menschen zu Leitfiguren wurden, zu den großen Weisen wurden als die wir sie heute kennen. Was mich angeht, ich bin auf vieles in meiner Vergangenheit eher etwas weniger stolz und ich tat mich eher schwer mit solchen Verwandlungen. Bis heute fühle ich eine gewisse Reue, versuche gut zu machen. Wie steht’s bei Dir?

Was das Gedicht angeht, da muss ich bei gewissen Stellen schmunzeln wenn von gemeinsamen Feierlichkeiten in Trinkhallen die Rede ist, Freundschaft und der tiefe Sinn von Gemeinsamkeit. Doch all das im Gedicht ist in der Vergangenheit, verloren, vorüber, zerstreut in Ruinen.

Und doch ist auch von Trost zu hören in diesem alten Gedicht, denn es beginnt mit:

‘Gar oft erfährt der Einsame Gnade,

Die Hilfe des Herrn,

obgleich herzenstraurig‘

Auch die Einsicht ist hier offenbar dass Siege ihren Preis haben, und vor allem Niederlagen. Eigentlich ist wirklich alles im Gedicht enthalten was erwähnenswert ist und wann genau wurde es nochmal geschrieben ? Vor langer, langer Zeit. Wie wenig sich unsere Menschheit geändert hat, wirklich geändert hat. Und ich kann mir nicht helfen, aber der Gedanke kommt auf, dass dieses Gedicht gerade in der jetzigen Zeit wirklich relevant ist und nicht nur weil die Tage kürzer und die Nächte länger und kälter werden. Man muss hinaus in die Dunkelheit gehen, um die Sterne sehen zu können.

Beim Lesen diesen Gedichts räsoniert irgendwie etwas im Inneren bei mir. Ich glaube einmal, dass ich darüber noch lange nachdenken werde und mich auch mit der Frage beschäftigen muss warum das so ist, das mit der Resonanz. Eines jedenfalls ist jetzt schon klar. Das Gedicht hat nicht ohne Grund den Zahn der Zeit überlebt und ist doch wiederum sicher auch aus anderen Gründen weniger bekannt. Denn es braucht Mut, die Vergänglichkeit der Dinge, auch sich selbst, einzugestehen. Selbst die größten Reiche zerfallen irgendwann und machen Platz für etwas Neues. Auch müssen wir bereit sein, die Dinge die uns gegeben sind, nicht als selbstverständlich zu erachten und Sie zu ehren, denn sie werden nicht für immer sein. Nicht für uns, auch nicht für die, die nach uns kommen. All das gilt auch für die Welt in der wir leben, eine Welt die wir weitergeben müssen, und mehr zu schützen und zu erhalten versuchen sollten. Auch der Poet des Gedichtes hat darüber etwas zu sagen:

‘Wer klug ist erkenne, wie kläglich es ist,

Wenn der Wohlstand der

Welt verwüstet rings!

Wie nun allerorts in der

Erde Umkreis,

Vom Winde umwütet,

Wälle stehen,

Mit Reif behangen.

Zerrissen die Schutzwehr,

Der Weinsaal zerbröckelt.

Der Wonne ledig

Liegen die Herrscher, die

Heerschar fiel,

Die kühne, beim Burgwall:

Kampf trug sie fort

Auf die ferne Fahrt; ein

Vogel trug diesen

Auf die hohe Holmflut,

jenen haargraue Wölfe

Zu Tode brachten;

traurigen Antlitze ‚

Ich bin jedenfalls meiner Tochter sehr dankbar für dieses Gedicht.

Es hat mich einhalten lassen und mich zum besseren Zuhören verleitet über was sich hier so alles abspielt in der Welt, was passiert ist, was passiert und was geschehen mag.

Lest dieses Gedicht. Es lohnt sich.

Eine gute altdeutsche Übersetzung gibt es hier.

https://glaemscrafu.jrrvf.com/german/wanderer.html

Macht’s gut und bis die Tage

2 Antworten auf „The Wanderer“

Nein, die Menschheit (oder besser der Mensch an sich) an sich hat sich nicht geändert im Lauf der Jahrhunderte, und damit behält so ein Gedicht seine Gültigkeit und Aussage. Was sich doch geändert hat, sind die Umstände unter denen er lebt und die Geschwindigkeit in der sich alles ändert. Unsere Generation hatte, zumindest in Mittel- und West- und Nordeuropa, später dann auch im Süden und noch später im Osten, ziemlich viel Glück damit. Vergleichbar mit einem 6er im Lotto. Man unterschätzt in so einer privilegierten Situation leicht wie fragil das Ganze ist. Es wird immer deutlicher, dass es nur mit großen Anstrengungen und auch mit Verzicht möglich sein wird, ein einigermaßen friedliches Miteinander in Europa zu erhalten. Die monotheistischen Religionen haben versagt, der Nationalismus hat versagt und der Kommunismus hat versagt. Eine Zeit lang schien es so als hätten wir diese Plagen überwunden. Der Kommunismus ist zuletzt gestoben er zeigt noch keine Tendenzen zur Auferstehung aber die Religionen und der Nationalismus sind wieder auf dem Vormarsch. Es kann einem Angst und bange werden.

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