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Übers Leben

Los lassen

‘Kein Dummkopf der los lässt von dem was er nicht zu halten vermag, um zu bekommen, was er nicht verlieren kann.‘ so ungefähr lässt sich aus dem englischen übersetzen was Sandy Millar, Dekan an der Heiligen Dreifaltigkeits Kirche in London vor vielen Jahren einmal sagte. Es war Sonntag und ich am zuhören, ein kleines Kind an jeder Seite und eins auf dem Arm. Damals war man noch jung, und stolz. Es war die Zeit der Saat und Worte fielen von denen ich vielleicht heute erst viele zu schätzen vermag. Zu sagen dass ich sie völlig verstehe, könnte nur heißen dass ich nichts gelernt habe seitdem.

Es ist Herbst. Mein japanischer Ahorn dröhnt in vollem Rot. Das letzte Stadium der Blätter dieses Jahr und das Schönste. Bald wird der nächste Sturm die tief roten Blätter verwehen und das war es dann dieses Jahr. Bis zum Frühling. Ich staune jedes Jahr. Alle hier in der Brandauer Familie staunen darüber. Doch für mich ist es irgendwie dieses Jahr besonders symbolisch, dass ein zu Ende gehen so kurz und doch so schön sein darf. Die Erinnerung an dieses Spektakel verbleibt noch lange nachdem die Blätter schon verweht sind.

Ich spüre wie sich mit jedem Jahr mein Verhältnis zu materiellen Dingen ändert, das Besitz immer weniger Bedeutung hat und anstatt dessen Beobachtung und Erkenntnis immer wichtiger werden, dringender. Das Anschaffen von Gütern über die Notwendigkeit hinaus, Geiz und Begierde nach materiellen Dingen, all das scheint irgendwie zu verschwinden, oder ist einfach nicht mehr da. Unser letztes Hemd hat keine Taschen. Wir können nichts mitnehmen.

Die Kinder gehen jetzt ihren eigenen Wegen nach. Gut! Ich hatte schon früh beschlossen, sie niemals in Richtungen zu drängen die ich es selber nicht zu wählen schaffte. Was ich nicht erreichte, soll kein Ziel meiner Kinder sein. Sie müssen selber wählen, entscheiden, leben. So ist es richtig. So muss und soll es sein. Doch wünsche ich allen fünf von ihnen das Beste auf ihren individuellen Wegen.

Ich habe getan was ich konnte. Kämpfte so gut ich es eben konnte. Oft habe ich aus eigenem Verschulden nicht immer alles so geschafft wie ich es wollte oder hätte können. Wer kann das? Doch bin ich aus alledem eben zu dem und dessen geworden der ich bin.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem ‘etwas aufzugeben‘ und dem ‘etwas los zu lassen’. Diese Einsicht war wichtig auf meinem Weg. Und das Loslassen braucht Mut weil es allzu oft um etwas geht an dem man sehr hängt. Es ist vertraut. Man kann sich nicht einfach so trennen. Aber das Leben geht weiter und weil sich eben vieles Vertrautes auch ändert oder einfach nicht mehr so funktioniert wie einst, muss man auch selbst sich besinnen und neue Wege wählen. Man hat fast keine Wahl. Selbst das Stillstehen ist eine Entscheidung.

Was nun, also?

Es reicht nicht, sich an die Vergangenheit zu klammern. Auch können wir uns nur vergeblich eine Bessere wünschen. Und fest zu halten reibt auf. Warum also nicht die verbleibende Kraft in das Neue investieren? Von dem was ich bin und habe zu lassen, um vielleicht doch noch zu dem ich noch in Stande bin zu werden, hat Versprechen. Doch noch einmal eine Brücke über die wilden Wasser der Gegenwart zu schlagen, hinüber in das unbekannte Morgen, auch darin liegt Hoffnung. Es ist unsere Wahl wann wir loslassen und loslegen, denn loslassen müssen wir sowieso irgendwann einmal. Es früher zu tun, wenn es noch unsere eigene Wahl verbleibt, braucht den erwähnten Mut doch der Lohn des Aufbruchs erwartet uns auch wenn das Unbekannte unheimlich verbleibt.

Was gibt es also zu verlieren wenn man los lässt? Eigentlich gar nichts. Und doch alles zu gewinnen.

Bis die Tage

Eine Antwort auf „Los lassen“

Was für eine tolle Farbe dieser Ahorn an Blattwerk hat!
Ja, los zu lassen, ist schwierig, selbst wenn es das völlig abgetragene T-Shirt ist, oder die Handvoll Muschelschalen aus einem Urlaub. Die Kinder ihren Weg gehen zu lassen fiel mir in Teilen leichter, denn ich mag die Wege, die sie eingeschlagen habe.
Herzliche Grüße an die Großen und „Kleinen“,
Karin

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