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Übers Leben

Grenzen spüren

Für Markus

Vor nun fast einem Jahr hatte Carl Brandauer einen Schlaganfall. Ein gewaltiger Schuss vor dem Bug. So vieles war am Werden und Gestalten. Viele Pläne waren geschmiedet, Freude aufs Nächste groß. Alles kam zum Stillstand. Alles, vor allem Innerlich. Und die Augen wurden geöffnet, ganz arg weit.

Es ist kein Geheimnis, dass Menschen sich durch gesundheitliche Krisen oft zu ändern scheinen. War das auch bei Carl Brandauer so? Ja und Nein, geändert hat er sich eigentlich nicht, nur was er sieht und wie, sehr wohl und was er lange zu sein glaubte, auch das ging über Bord. Zurück blieb nur er selber wie er wirklich ist, schon immer war oder vielleicht schon immer hätte sein sollen.

Dennoch, nichtige Streitigkeiten sind ihm jetzt mehr zuwider als je zuvor. Eitelkeiten und sich Aufblasen, sowieso niemals sein Ding, sind jetzt erst richtig abgesagt. Und das Verlangen, sich blöden oder einfach dummen Äußerungen zu stellen wenn es vermeidbar ist, vor allem von denen die es auf Grund ihres Standes und Amtes eigentlich besser wissen sollten, die ist jetzt auch völlig weg retuschiert. Akzeptanz zu finden, zum Beispiel, für Ignoranz von vor allem jüngeren Mitarbeitern, das ist jetzt eine echte Herausforderung geworden aber man ist ebenso überrascht wie man sie auf einmal meistert irgendwie, ohne großes Tun. In gleichem Maße sind die Fähigkeiten zu Verzeihen und Verzichten immens gewachsen. Nicht mehr jeder Streit um Banales ist Carl Brandauers Aufgabe zu schlichten, nicht mehr jedes offenkundig falsche Argument seine Aufgabe anzufechten, nicht jeder Umstand, so bedauerlich er auch sein mag, für ihn zu verbessern. Oft sind es andere, nicht selten von zweifelhaften Ambitionen getriebene Kollegen, die das Leben unnötig erschweren und komplizierter machen als es nötig oder ratsam ist. All das kümmert ihn weniger. Wer einmal auf der Matte lag, so richtig nah am Fenster zum Jenseits, der hat willentlich oder nicht, für solche Geschichten ganz einfach keine Zeit mehr. Wenn überhaupt etwas, so sind solche weltlichen und menschlichen Anzeichen nur noch Anlass für leichte Irritation oder ganz einfach tiefes Bedauern. Etwas hat man erkannt und waltet dadurch anders im Leben das verbleibt. Zu diesem Etwas gehören auch die Grenzen denen man sich plötzlich fügt, fügen sollte, auf einmal akzeptieren kann, erkennen kann und auch erkennen muss.

Wieviele Scharlatane weisen uns an, unsere Grenzen zu sprengen, das Grenzen wohl nur ein Gespinst sind, gewoben aus unserer eigenen Schwäche, das die Welt grenzenlos ist, und es nur an uns selbst liegt, wo sie liegen, diese Grenzen. Alles geht, sagen sie uns, nur wir selbst sind uns im Weg. Zu lange bin auch ich diesen Stimmen gefolgt. Heute halte ich sie für gefährlichen Unsinn. Wie viel besser würde es sein, wenn wir versuchen würden, schon früher ‘sich selbst’ besser kennen zu lernen in jeder Hinsicht und zu lernen wer wir wirklich sind. Das bessere Kennen der eigenen, wirklichen Grenzen käme mit alledem und dazu vor allem die Einsicht in den Unterschied zwischen dem was unsere wirklichen Grenzen sind, innerhalb derer wir frei sind, um zu leben für das wir geschaffen wurden, und solchen die uns gesagte Scharlatane offerieren, als uns auferlegt reklamieren, uns Kommerz einredet, überwinden zu können mit dies und jenem Produkt, uns korrupte Politik zu überzeugen versucht, wenn sie sagt etwas sei gut für uns. Von letzteren Grenzen möchte ich nicht weiter reden. Erstere jedoch, Grenzen die uns als Individuum anhaften, mit denen wir zur Welt kamen, die es nichts kostet zu erkunden als Verstand, Vernunft und Bescheidenheit, die sind es von denen ich spreche. Sie nicht zu kennen ist wie das Suchen im dunklen Wald, sie nicht kennen zu wollen ist Ignoranz, sie nicht zu erkennen versuchen, eine Garantie auf langwierige Fehler, vergeblichen Versuchen, Leid und Enttäuschung. Ich kann ein Lied davon singen. Fast hätte ich die Kurve nicht gekriegt.

Grenzen spüren war mir in der Jugend ein Verlangen, doch hat sich dieses Verlangen in ein ‘Erinnert Werden Wollen’ gewandelt. Wo früher der Drang an Grenzen zu stoßen als treibende Kraft waltete, sie vielleicht sogar zu durchbrechen, ist heute die Vorsicht vor dem an die wirklichen Grenzen zu gelangen, ein vorwiegendes Motiv für Aktionen aller Art. Nicht unerwartet geht jetzt vieles nicht mehr einfach so, doch überraschenderweise und oft unerwartet geht so manches jetzt allerdings sehr viel einfacher. Schon seltsam, denn keine brachiale Gewalt scheint mehr nötig sondern Umsicht und Verstand treten vermehrt ein. Wo es einst mit dem Kopf voran durch die Mitte durch musste, geht jetzt vorerst alles erst einmal durch den Kopf.

Doch diese Verwandlung oder Veränderung kann bisweilen auch heute noch schief gehen was das Interpretieren der Zeichen angeht. Vielleicht überschätzt man bisweilen immer noch seinen physischen Zustand bei Bergwanderungen oder die Ausdauer der Konzentrationsfähigkeit bei langen Arbeitssitzungen, die bis in den Abend gehen können. Das richtige Einschätzen des jeweiligen seelischen und physischen Zustandes ist eine nicht leichte Aufgabe und es gibt keine Konstanten. Jeder Tag ist anders, jede Situation unterschiedlich und auch die Jahreszeiten und das Wetter spielen eine Rolle, wie auch die Qualität des Schlafes in der Nacht zuvor. Man bezahlt hier heftiger als früher für Irrtümer und Erholungszeiten werden länger je nach Grad des begangenen Fehlers. Doch mit der Zeit lernt man besser, die Zeichen zu orten und zu verstehen.

Man zündet eben die Kerze nicht mehr an beiden Enden an. Man brennt langsamer, weniger hell aber beständiger und verlässlicher und man gibt weniger leicht auf, denn eine Qualität die man erlernt hat beim an die Grenzen zu stoßen wenn man älter ist, ist eine bestimmte Art der Geduld. Jugend hat keine Geduld, ja sie darf sie nicht haben, sonst wäre sie eben nicht Jugend. Die Fähigkeit zu warten, Ungelöstest eben ungelöst zu belassen für längere Zeit, mehrere Probleme in der Schwebe zu halten für längere Zeit, das kann keine Jugend. Warum soll sie es auch können? Gelehrt wird es ohnehin nicht, vor allem nicht in der heutigen Welt in der alles verlangt wird, jetzt, sofort, in immer mehr vorgeschriebener Weise.

Carl Brandauer kehrte kurze Zeit nach seinem Schlaganfall zurück ins Berufsleben als der, der er eigentlich hätte schon früher sein können und sollen. Eigentlich der Gleiche und doch mit verlässlicherem Blick. Aber jeder hat seine eigene Odyssee zu bewältigen bevor er das schaffen kann. Warum das so ist, verbleibt mir trotz aller Anstrengungen verborgen. Aber Grenzen zu spüren, sie zu spüren erlernen, lieber früher als später, erscheint einer der Schlüssel für eine bessere, einfachere und angenehmere weitere Reise zum Ziel.

Bis die Tage

2 Antworten auf „Grenzen spüren“

Tolle Bilder zu deinen Worten!
Ein Jahr ist der Warnschuss jetzt schon her – wie die Zeit vergeht!
Wir sahen die Grenzen und wollten sie nicht sprengen. Wir wollten Brücken bauen und ließen uns blenden.
Liebe Grüße,
Karin

Das Schicksal schafft Berührungspunkte, die so unerwartet und bereichernd sein können, wie wir es nie selbst planen könnten. Deine Worte sind Denkanstösse die berühren, nachdenklich machen und befreiend wirken.
Vielen Dank
Markus

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