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Wolfsstunde

Mein Physik Professor an der Universität vor langer Zeit, ein richtig netter und tiefer deutscher ‘Gentleman’ von schon höherem Alter, berichtete damals von Stunden, in denen er Nachts nicht schlafen konnte. Er nannte das Wolfsstunde, wobei er allerdings hinzugefügte, dass ihm diese nächtlichen Stunden weniger Melancholie servierte sondern mehr eine gewisse Zeit, mit sich selbst allein zu sein, mit allem was dazu gehört. Mit dem völligen wach sein, erschien es ihm plausibel, sich mit guter Kleidung anzuziehen, einen sorgfältig zubereiteten Kaffee an die Seite zu stellen, und solche Dinge zu überdenken, für die tagsüber eben ganz einfach keine Zeit war. Diese Zeiten, Wolfsstunden, wie er es nannte, wurden dann auch allmählich Bestandteil seines Lebensablaufs.

Für viele sind solche nächtlichen Stunden eher weniger angenehm. So auch für mich, anfangs jedenfalls, bis ich mich eines Tages an meinen Prof erinnerte, der an diesem Tag damals überhaupt Weisheiten von sich gab, die unverstanden und vergessen im Gedächtnis blieben und deren Inhalte erst heute Triebe zeigen.

Das Wachsein will akzeptiert werden. Die Biologie erzählt uns viel von Hormon Pegeln in der Nacht, von Störungen, von unnatürlichen Unterbrechungen in der nächtlichen Ruhepause. Erst mal akzeptiert als Faktum, lassen sich aber solche wolfsstündliche Abschnitte in der Nacht durchaus in positive Erfahrungen verwandeln, bis zu dem Punkt, dass man sich schon freut auf ein paar Momente der Ruhe, mit wachem Geist und kreativen Gedanken. Als Musiker stelle ich fest dass alle meine beste Musik in der Nacht komponiert wurde and wird. Am Tage geht das nicht. Zuviel Druck, Arbeit, Telefonate, emails, Leben und Sorgen. In der Nacht, erst einmal wach und die Schwärze abgeschüttelt, wie zum Beispiel das Einreden dass ‘man’ in der Nacht zu schlafen hat, können die Minuten oder sogar Stunden lebensverändernde Gedanken entstehen lassen.

Eine englisches Buch hat den Titel ‘Tränen in der Nacht, Lächeln am Morgen’. So scheint das auch bei mir zu laufen. Die Freuden, Belange, Sorgen und Nöte meiner Lieben sind dabei ganz oben auf der Liste der Gedanken. Dann kommt tiefe Reue über Vergangenheit über die man nicht immer stolz ist und bis heute auch serviert bekommt von denen die zum wirklichen Verzeihen nicht in der Lage sind. Oder das Trauern über Streitigkeiten die keine sein müssen und es doch stellvertretend für vieles andere sind. Wir leben in einer Pandemie, man hockt aufeinander, die verschiedenen und unterschiedlichen Ansichten schwelen über dem Feuer persönlicher und charakterlicher Unterschiede und bevor man sich versieht, erklingen die Töne unversöhnlicher Streitgespräche wobei die Thematik keine Rolle mehr zu spielen scheint. Es gilt nur noch, Dampf abzulassen und auszuteilen anstatt sich zu besinnen und Erlerntes wirken zu lassen. Ein Lied von mir heißt ‘Müde vom Kampf‘ (‘Tired of the fight’). Auch dieses Lied schrieb ich in der Nacht. Wie satt ich sie heute habe, diese Momente des Ausdrucks unversöhnlicher Gegensätze. Wir brauchen einander. Jetzt mehr denn je. Aber wir streiten weiter. Um nichts. Und nichts Gutes kommt dabei heraus außer eben Dampf abgelassen zu haben. Eine seltsame Rechnung geht auf. Momentane Erleichterung, ein Austausch jedoch von Frustration und schlechten Gefühlen. Man ist eher unglücklicher ist als zuvor, nicht mehr wegen des ursprünglichen Drucks und eingepferchter Frustration sondern durch Gefühle der Schuld, eben mal so richtig jemanden Meinung gesagt zu haben, es aber auch mal so richtig gesagt bekommen zu haben. Wie bescheuert das Ganze ist. Vielleicht ist hier ein bisschen Wolfsstunde eher nötig als lästig. Zur Besinnung zu kommen. Ein jeder kehre vor seiner Tür, so heißt es. Aber auch das zu tun stößt bisweilen auf Kritik. Sich nicht an Streitigkeiten zu beteiligen bedeutet auch, sich dem Risiko auszusetzen, sich Kritik einzuholen, eben nicht verteidigt zu haben was man als belanglos, unnötig oder vielleicht sogar als völlig falsch ansah. Man wird als Schwächling bezeichnet, als Feigling und kraftlos. Jeder Stifter des Friedens weiß dass diejenigen, die auf Einen zählten im Kampf der Worte, das Schweigen, das Schlichten Wollen, als unverzeihliche Schwäche ansehen und es als solche erbarmungslos kritisieren. Und die tiefen Auswirkungen solcher Kritik wirken noch lange nach, lange nachdem die Streithähne sich wieder versöhnt haben. Friedensstifter verlieren immer, zu Gunsten des Friedens der anderen.

Auch solche Gedanken schleichen sich des Nachts ins Gemüt. Das Richtige zu tun erzielt selten den Lohn den es verdient. Aber das ist in Ordnung. Was zählt ist trotz alledem weiterhin das Richtige zu tun.

Zur Ruhe kommen, in diesen stillen Zeiten der Nacht, weniger Melancholie und mehr Besinnung., darauf kann ich in diesen Tagen zählen in der Wolfsstunde, der nächtlichen Zeit der Wache.

Damit belasse ich es jetzt erst mal heute.

Bleibt gesund und macht’s gut. Bis die Tage.

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60

Unglaublich. Aber ich habe es geschafft. Ich erinnere mich an Zeiten wo der Ausblick, vierzig zu werden noch so sehr in der Ferne lag. Und jetzt? Sechzig. Ohne Kriege durchleben zu müssen. Vieles von der Welt gesehen. Gute und weniger gute Zeiten. Und noch immer vom Virus verschont. Bis jetzt jedenfalls.

Vieles ist passiert in meiner Zeit ‘auf Wache’. Für vieles bin ich dankbar, Familie, Wohlstand, zum Beispiel. Anderes wirft mir Rätsel auf wie der allgemeine Verfall der Politik und seiner Vertreter und wenn ich an ‘fake news’ denke oder wie völlig überdrehtes ‘politisch korrektes’ Denken uns unserer Freiheit berauben droht, da bin ich mehr und mehr fassungslos. Aber das sind alles nur Beispiele.

Ziehe ich Fazit? Blicke ich zurück? Klar! Es ist wichtig. Aber das zu tun heißt für mich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen oder endlos darin zu wühlen, oder bewusst steckenbleiben in alten Wunden oder verletzenden Geschehnissen. Es geht um Würdigung dessen was ich erlebt habe, nicht um Vermeidung der Gegenwart oder Zukunft. Im sich zurück erinnern liegen Kräfte, auf die man zugreifen kann, dem Guten was geschehen ist und die Möglichkeit weniger Gutes zeremoniell fast zu schließen. Es geht nicht um Vermeidung des Jetzt und dem was kommen mag sondern um Kräfte zu sammeln und Perspektive für die weiteren Schritte im Leben wieviel oder wie wenig Zeit auch immer noch verbleibt. Viele Erinnerungen liegen versteckt in der Vergangenheit und doch bleiben sie erreichbar, verfügbar, für ein vielleicht letztes wieder aufnehmen, machen Kräfte frei für diese weiteren Schritte in die Zukunft.

Wenn man jung ist macht man bewusst oder unbewusst Pläne. Und jetzt scheint die Zeit reif, abzuwägen, was aus alledem geworden ist. Man ist erstaunt was man erreicht hat, vielleicht weit über den ursprünglichen Vorstellungen hinaus. In anderen Bereichen erkennt man, bereut man, das einiges so ziemlich anders gelaufen ist, eher weniger gut, durch Schicksal, Fehler, bewusstem Umdenken auf dem Wege oder ganz banalem, schmerzhaftem Scheitern. Und doch, mit Freude und Reue dicht beieinander, kann man nicht fehlen zu erkennen dass hier ein Schatz an Erkenntnissen liegt, Erfahrungen und wertvollen Einsichten. Sich daran zu erinnern, vielleicht ein letztes Mal, so richtig ordentlich und ernsthaft, gibt Stärke und Selbstvertrauen finde ich. Das hilft sehr beim Planen der nächsten Aktionen und Aktivitäten. Das man Manches doch noch einmal wagt, und besser schafft als beim letzten Mal. Und es gibt noch viel, was ich noch tun muss, noch einmal tun werde, wonach mir immer noch ist, was ich noch sagen möchte, noch sagen werde müssen.

Also, kein Hurra über alte Zeiten, kein Verbleiben bei alten kalten Kamellen sondern die Chance, jetzt endlich doch noch loszulassen von alten Vorurteilen, alter Wut, Unvergoltenem und befreit los zu ziehen in die Zukunft. Die Vergangenheit sprechen zu lassen und dem Rat den sie zweifellos zu geben fähig ist zu folgen. Wir können uns keine bessere Vergangenheit wünschen aber wir können ihr zu hören, uns inspirieren zu lassen für das Weitere was den Ausblick angeht, neue Pläne, Verhalten und Hoffnung.

Ja, hier, im wirklich ernsthaften Rückblick, liegt ein Schatz begraben, nicht nur für uns sondern auch für Andere, vor allem denen die uns nahe stehen.

Jeder mit ein paar Kilometern auf dem Tacho kann auf einen solchen Schatz zugreifen, selbst die, vielleicht sogar vor allen diejenigen, denen das Leben eher schwer fiel. Jemand der mit Drogen zu kämpfen hatte, oder mit Alkohol, kann viel erzählen wie es wirklich ist, war, was für Warnungen es gab, welches Leid daraus kam. Warnungen von solchen Menschen fallen vielleicht zunächst auf taube Ohren aber es werden Gedanken gesägt, die, über ihren eigenen Zeitraum eines Tages doch zu Erkenntnissen bei anderen führen können, vielleicht das Schlimmste vermeiden helfen. So können also selbst Fehler beim Einen doch noch zur Vermeidung derselben bei Anderen führen.

Oder auch Krisen, manche notwendig oder unvermeidbar, bei den großen Übergängen im Leben, wenn Alles an das man einst glaubte plötzlich nicht mehr zu gelten scheint und Neues bevorsteht mit allen Anreizen und Tücken. Solche Krisen vermitteln Erkenntnisse die es weiter zu geben gilt oder an die man sich erinnern kann für die eigenen nächsten Schritte.

Das gelebte Leben ist wie ein alter Baum. Über einen verwitterten harten Stamm Sitz eine gewachsene Krone aus vielen Ästen und Zweigen, voller Leben, Leben das wir geben und stützen, ein zu Hause geben, eine Welt in der sich anderes Leben entfaltet. Was für eine Verschwendung es wäre, das nicht zu erkennen und zu würdigen, um guten Herzens weiter zu machen, Neues zu wagen, mit Selbstvertrauen, gewachsen über viele Jahre durch Erfolge und Niederlagen.

Ja, und alte Kriegsbeile zu begraben und vielleicht doch noch zum Ende zu führen was man irgendwann einmal begann und was dennoch im Zahn der Zeit liegen blieb.

Ein Leser fragt mich was für einen Rat ich bereit bin zu geben, welches Fazit ich ziehen würde. Meine Antwort darauf ist: Schaffe gute Erinnerungen denn eines Tages wirst Du zurück blicken und dann kannst Du sagen, ein gutes Leben gelebt zu haben, trotz der Niederschläge.

Auch würde ich sagen dass ich um Vergebung bitte für meine Fehler und dankbar für alles was mir das Leben geschenkt hat.

Irgendwie zählt dieser Meilenstein mehr als andere zuvor. Ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte aber irgendwie weiß ich das jetzt. Ich kann es spüren. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Der Ausblick hat sich geändert. Ohne Zweifel. Es stand geschrieben, nur konnte ich es noch nicht lesen.

Heute beginnt etwas Neues. Eine weitere Reise. Ich werde vielleicht mehr darüber schreiben in der Zukunft.

Schließen werde ich heute mit dem Text eines Liedes, das ich in 2016 schrieb. In gewisser Weise sagt es alles, was noch zu sagen ist im Moment.

(Aus dem Englischen)

Niemals richtig bereit/vorbereitet

Schon sehr lange auf diesem Weg

Nicht einfach zurück zu denken

An die Anfänge

Als alles begann

Was anderes ist schon Zeit und Gedächtnis

Als ein altes verwittertes Lied

Nur die Melodie

Klingt noch nach

I kann nicht behaupten, damals so richtig vorbereitet gewesen zu sein

Alles hinter mich zu lassen

Doch eines Tages fuhr ich los

Nach England, schön gemächlich

Durch die Nacht

Seitdem stand die Welt ganz oft ganz einfach auf dem Kopf

Über die Jahre hinweg

Kam es mir nie in den Sinn

Die Hoffnung zu verlieren

Am Ende

Gab es immer einen Weg

In diesen Zeiten

Dachte ich nicht nach über die Wunder des Lebens

Wie Estland

Fand ich nie die richtigen Worte

Kann nicht behaupten, jemals so richtig

Vorbereitet gewesen zu sein

Mein Leben zu verstehen

Machte einfach was Väter so tun

Brachte die Ernte nach Hause

Während die Welt immer wieder

Auf dem Kopf stand

In den vielen Wandlungen im Leben

Fällst Du bisweilen

Es gibt Siege

Manchmal bist Du einfach am Ende

Es ist keine Schande, bisweilen am Boden zu

liegen

Nichts ist immer völlig umsonst

Man rauft sich wieder auf

Und fängt von vorne an

Als es mich traf, war ich nicht

darauf vorbereitet

Aber schaute nicht zur Seite

Und gewissermaßen

Ging es wieder los

Baute wieder auf von vorne

Aber es gab auch bittere Tränen

Während die Welt immer wieder auf

dem Kopf stand

Und die Zeit verging

Die Kinder finden ihren Weg

Im Spiegel erkenne ich mich bisweilen

weniger

Alternde Augen hinter denen

noch das Licht der Liebe brennt

Ist es eher Trauer oder Freude

Am Ende des Rennens?

Selbst jetzt bin ich noch nicht bereit

Alles hinter mich zu lassen

Und möchte weiterziehen zu Neuem

Heute

Zu tun was Männer tun

Zu lieben, freundlich und sorgenvoll

zu sein

Während die Welt immer wieder auf dem Kopf

steht

Macht’s gut, und bis die Tage

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Übers Leben

Meine Rucksäcke

Für Ali

Kürzlich, während eines Notstands in der Brandauer Familie, gab mir der Notarzt 15 Sekunden, um noch ein paar Sachen zu schnappen, bevor es mit Blaulicht ins Krankenhaus ging. Ich brauchte 5 Sekunden.

Wie jüngere Pärchen, mit einem Baby auf dem Weg, vielleicht wissen (naja, sie sollten es wissen), es ist anzuraten, eine fertig gepackte Tasche bei der Türe zu haben für wenn der Zeitpunkt kommt. Ich habe jedenfalls immer eine solche Tasche bereit seitdem unsere Kinder geboren wurden. Ich werde euch nicht sagen was darin gepackt ist aber es ist so eigentlich alles was ich für 48 Stunden, oder auch länger, so brauche.

Diese Tasche, einer meiner drei Rucksäcke wie auf dem Bild, hat mich auf den Jakobswegen in Nordspanien begleitet, war seit langem auf allen Wochenendausflügen dabei, geht mit mir zu Arbeit, ist dabei auf Geschäftsreisen einschließlich einer vierwöchigen in den Süden Ägyptens letzten November, vor Covid-19. Die drei Rucksäcke die ich habe sind immer fertig gepackt für verschiedene Anlässe und Gelegenheiten.

Ich weiß eigentlich wirklich nicht warum ich das tue. Ich frage mich was ein Tiefenpsychologe darüber sagen würde. ‘Carl Brandauer will insgeheim weg von allem, hat es satt. Wartet auf die große Flucht’. Stimmt nicht. Ich hasse es eben nur, zu packen und ich vergesse Notwendiges wenn ich in Eile bin. Wie auch immer, vor zwei Wochen, als die große Krise kam, war ich wieder einmal froh, er war da, der vertraute Rucksack.

Vor einiger Zeit von einer netten Dame irgendwo im wunderschönen Südwesten Englands nach meinen eigenen Ideen gefertigt, sind alle drei eigentlich genauso wie ich sie brauche und wollte. Ich habe die Dame die sie für mich zusammen nähte nie getroffen, aber ich bin unendlich dankbar für diese allgegenwärtigen und hilfreichen Begleiter. Schöne Dinge können Freude bereiten. Nützliche Dinge können sehr viel helfen. Wenn Dinge beide Eigenschaften haben, und wenn man weiß dass sie nicht aus ausgenutzten verarmten Kinderhänden in armen Ländern für einen Hungerlohn entstanden sind…ich weiß nicht wie ich das sagen soll oder kann. Irgendwas stimmt hier und das fühlt man einfach nur.

Und mit so einem fertig gepackten Rucksack hat man auch zu lernen was wirklich gebraucht wird. Ich weiß nicht was Du zum Reisen brauchst aber ich habe gelernt was es für mich ist. Ein Lied dass ich auf dem Jakobsweg schrieb hat den folgenden Vers:

(Aus dem englischen)

….der Pilger verzichtet auf das

Was er nicht braucht

Ohne Entschuldigung

Alles muss getragen sein

Alles wiegt schwer

Das Gleiche mit Sorgen,

Trauer und Hass

Du lässt es zurück

Beim Erklimmen der Hügel

Und Freude kommt auf,

Friede und Hoffnung

Es mag vielleicht seltsam erscheinen, jemanden über Rucksäcke schwärmen zu hören, aber so ist das eben. Ich mag sie, meine Rucksäcke.

Macht’s gut und bis die Tage

ps. Um Dir die Frage zu ersparen, die Rucksäcke wurden gefertigt von

https://www.francli.co.uk/

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Krise

Einen geliebten Menschen zu verlieren, vielleicht sogar den meist Geliebten, oder vielleicht nur für eine kurze Zeit mit der Gewissheit zu leben, dass dem so ist, oder bald so sein wird, ist ein Umstand den ich niemanden wünsche. Und doch trifft jeden einmal irgendwann und irgendwie so eine Situation. So auch euren Carl Brandauer letzte Woche.

Alles verging und schneller als vermutet und mit überraschenden Erkenntnissen und Lösungen Doch die vielen Stunden der Ungewissheit haben Spuren hinterlassen. So ganz bin ich über all dieses noch nicht hinweg.

Ein freundlicher Pfarrer den ich gut kenne sagte einst in einer Predigt: „Wir müssen alle irgendwann einmal leiden!“ An diese Worte erinnere ich mich im Moment. Soviel ist sicher.

Es gibt eine ganze Menge netter Dinge, viel zu lange unausgesprochen, die jetzt ans Tageslicht kommen und gesagt werden. Jetzt, solange noch Zeit ist. Zeit, dieses unbekannte Wesen. Wir tun so als lebten wir für immer. Tun wir nicht. Wenn ihr etwas zu sagen habt, sagt es baldigst. Vielleicht gibt es keine weiteren Gelegenheiten mehr in Kürze, denn Überraschungen sind genau das, Überraschungen. Und sie erscheinen wenn man es am wenigsten braucht oder erwartet.

Ich lasse im Moment erst recht los von kleinlichen Ärgernissen und Streitereien. Und verzeihen ist auch nicht schlecht, solange das noch geht. Zu lösen und entschärfen während es noch möglich ist. Es befreit und man bereut einmal vielleicht weniger, es nicht versäumt zu haben, wenn die Stunde schlägt.

Ich schrieb vor ein paar Wochen vom Los Lassen und Im Moment Leben. Ich werde es jetzt nochmal nachlesen. Überhaupt gibt es jetzt viel zum nachdenken. Wer weiß, vielleicht werde ich in Kürze darüber schreiben.

Bleibt gesund und bis die Tage

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The Wanderer

‘Es kann weise nicht werden, der geworden nicht

An Wintern alt im Weltenreiche.’

So steht es geschrieben, in altdeutscher Übersetzung jedenfalls, im uralten angelsächsischen Gedicht ‘The Wanderer’. Meine jüngste Tochter verwies mich kürzlich auf dieses Werk und warf mich damit fast um.

Und der Erzähler fährt fort:

‘Der Weise sei geduldig,

Nicht zu hitzigen Blutes, noch zu hurtig in Worten,

Scheu nicht im Schwertkampf, noch zu schnell im Handeln!

Noch zu froh, noch zu furchtsam, noch zu vielbegehrlich,

Noch bereit zur Ruhmrede, ehe reif die Tat!

Ein Mann vermeide mutig zu prahlen,

Wie wacker er sei, eh‘ sich wohl erwiesen,

Wie des Willens Drang sich wenden möchte‘

Hier spricht eine Seele die alle möglichen Siege errungen hat, die Freuden der Treue zur Sippe kennt, umgeben von gleich Gesinnten sich einst gefühlt hat und angeführt vom vertrauten Heerführer und König. Doch das alles ist lange verloren. Zerstört in verlorenen Schlachten, zu Ruinen verkommen. So scheint es jedenfalls denn ‘The Wanderer’, der Suchende, der Verlorene, der umher Wandernde, sucht nach Worten, um mit Weisheit die Einsicht zu beschreiben die ein solches Leben, solche Erfahrungen ultimativ bescheren.

Lange ist es her, seitdem mich ein so relativ kurzer Text dermaßen beschäftigt hat, etwas mit solch bewegenden Worten Gefühlen, Erfahrungen und Einsichten beschrieben zu sehen, fast wie in Tränen konzentrierte Weisheit.

Doch für was steht Weisheit heute noch? Viele Junge äußern sich herablassend wenn sie das Wort hören. Sie können keine Weisheit ihr eigen nennen, also wird es abgetan. Und die Älteren die vielleicht doch ein bisschen weise sind, oder zu sein glauben, sie machen nicht viel Umstände damit, ist diese Weisheit doch immer mit schwierigen Lebenssituationen errungen worden, mit Krisen und Tiefen im Leben, selbst die kleinste Einsicht.

Das ist eben so mit der Weisheit. Sie hat ihren hohen und schmerzlichen Preis. Einen Preis den in welcher Form auch immer jeder von uns einmal bezahlen muss oder man hat nicht gelebt. Da vergeht einem das Grinsen und Angeben. St Augustinus war weise und auch Johannes vom Kreuz. Viele, viele andere ebenso, doch auch diese Heiligen und Weisen hatten ihre wilden Züge und Zeiten, gezeichnet von Trunkenheit, Raufereien und auch zahlreiche erbärmliche Affären standen auf dem Plan bevor die großen Verwandlungen ihren Lauf nahmen und diese Menschen zu Leitfiguren wurden, zu den großen Weisen wurden als die wir sie heute kennen. Was mich angeht, ich bin auf vieles in meiner Vergangenheit eher etwas weniger stolz und ich tat mich eher schwer mit solchen Verwandlungen. Bis heute fühle ich eine gewisse Reue, versuche gut zu machen. Wie steht’s bei Dir?

Was das Gedicht angeht, da muss ich bei gewissen Stellen schmunzeln wenn von gemeinsamen Feierlichkeiten in Trinkhallen die Rede ist, Freundschaft und der tiefe Sinn von Gemeinsamkeit. Doch all das im Gedicht ist in der Vergangenheit, verloren, vorüber, zerstreut in Ruinen.

Und doch ist auch von Trost zu hören in diesem alten Gedicht, denn es beginnt mit:

‘Gar oft erfährt der Einsame Gnade,

Die Hilfe des Herrn,

obgleich herzenstraurig‘

Auch die Einsicht ist hier offenbar dass Siege ihren Preis haben, und vor allem Niederlagen. Eigentlich ist wirklich alles im Gedicht enthalten was erwähnenswert ist und wann genau wurde es nochmal geschrieben ? Vor langer, langer Zeit. Wie wenig sich unsere Menschheit geändert hat, wirklich geändert hat. Und ich kann mir nicht helfen, aber der Gedanke kommt auf, dass dieses Gedicht gerade in der jetzigen Zeit wirklich relevant ist und nicht nur weil die Tage kürzer und die Nächte länger und kälter werden. Man muss hinaus in die Dunkelheit gehen, um die Sterne sehen zu können.

Beim Lesen diesen Gedichts räsoniert irgendwie etwas im Inneren bei mir. Ich glaube einmal, dass ich darüber noch lange nachdenken werde und mich auch mit der Frage beschäftigen muss warum das so ist, das mit der Resonanz. Eines jedenfalls ist jetzt schon klar. Das Gedicht hat nicht ohne Grund den Zahn der Zeit überlebt und ist doch wiederum sicher auch aus anderen Gründen weniger bekannt. Denn es braucht Mut, die Vergänglichkeit der Dinge, auch sich selbst, einzugestehen. Selbst die größten Reiche zerfallen irgendwann und machen Platz für etwas Neues. Auch müssen wir bereit sein, die Dinge die uns gegeben sind, nicht als selbstverständlich zu erachten und Sie zu ehren, denn sie werden nicht für immer sein. Nicht für uns, auch nicht für die, die nach uns kommen. All das gilt auch für die Welt in der wir leben, eine Welt die wir weitergeben müssen, und mehr zu schützen und zu erhalten versuchen sollten. Auch der Poet des Gedichtes hat darüber etwas zu sagen:

‘Wer klug ist erkenne, wie kläglich es ist,

Wenn der Wohlstand der

Welt verwüstet rings!

Wie nun allerorts in der

Erde Umkreis,

Vom Winde umwütet,

Wälle stehen,

Mit Reif behangen.

Zerrissen die Schutzwehr,

Der Weinsaal zerbröckelt.

Der Wonne ledig

Liegen die Herrscher, die

Heerschar fiel,

Die kühne, beim Burgwall:

Kampf trug sie fort

Auf die ferne Fahrt; ein

Vogel trug diesen

Auf die hohe Holmflut,

jenen haargraue Wölfe

Zu Tode brachten;

traurigen Antlitze ‚

Ich bin jedenfalls meiner Tochter sehr dankbar für dieses Gedicht.

Es hat mich einhalten lassen und mich zum besseren Zuhören verleitet über was sich hier so alles abspielt in der Welt, was passiert ist, was passiert und was geschehen mag.

Lest dieses Gedicht. Es lohnt sich.

Eine gute altdeutsche Übersetzung gibt es hier.

https://glaemscrafu.jrrvf.com/german/wanderer.html

Macht’s gut und bis die Tage

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Camino Primitivo

Ein Ausblick vom Camino Primitivo, den ältesten der Jakobswege im Norden Spaniens. Weniger bekannt als sein berühmtes Gegenstück, der Camino Frances, führt dieser nicht über die Pyrenäen sondern von der Nordküste Spaniens über die sehr steinigen Wege Asturiens nach Santiago di Compostella.

Begangen vor drei Jahren blicke ich noch heute, und gerade heute, auf diese Pilgerreise zurück. Man läuft mit nur wenig Gepäck. Alles muss getragen werden. Jeden Tag auf 20-30 km langen Routen. Über Stock und Stein, bergauf und bergab. Ich hatte immer gedacht, dass solche Strecken zu laufen kein Problem ist. Ist es eigentlich auch nicht. Doch es jeden Tag zu laufen, das ist etwas ganz anderes. Das kann man nicht erklären. Das muss man nur spüren und alles ist klar. So einiges an fehlerhaften Gedanken bleibt auf der Strecke. Die Maske fällt ab und der eigene Kern kommt unentstellt zu Tage. Was bleibt ist nur sich selbst wie man wirklich ist. Tränen können fließen wenn der Regen kommt und man noch Stunden von schweren Wegen vor sich hat zur nächsten Herberge, ohne Schutz vor den Naturgewalten, nur mit sich selbst allein auf langen, schwierigen Wegen. Asturien zu belaufen ist darüber hinaus nur mit großer Ausdauer begehbar. Fast nie gibt es gerade Wege. Immer geht es hoch und runter, oft steil und gefährlich, vor allem wenn es regnet, oder wie bei mir, wenn es schneit im April. Das Wetter im Norden Spaniens kann tückisch sein.

In diesen ungewissen Zeiten heute, mit sehr großen Sorgen auch bei mir, wie viele andere Menschen auch, denke ich unweigerlich zurück an diese Pilgerreise. Existentielle Fragen stehen an, Fragen über Job, Sicherheit, Lebensunterhalt, Gesundheit und vieles mehr. Damit zu leben ist nicht leicht. Und doch erinnere ich mich an diese Wanderung auf der ich in große Not geriet. Auch das gehört zum Weg, die Gefahr, Unfälle, Krisen.

Wie leicht unser ‚Lot‘ ist, das ‘Gepäck’ das wir täglich zu tragen haben, ist nicht immer in unserer Hand wie es auf einer langen Wanderung ist. Und doch kann man, muss man vielleicht sogar, von gewissen und nicht authentischen Dingen, und vor allem schlechten Gedanken, loslassen. In gewisser Hinsicht hat man da keine Wahl mehr. Nein, nicht immer können wir entscheiden wieviel wir täglich zu tragen haben, aber wir können entscheiden wie wir es tragen und vielleicht auch wie schnell wir gehen und wie oft wir Pause machen. Auch ich muss mich im Moment wieder mehr daran erinnern. Häufiger als sonst, auch ohne Coronavirus.

Am Ende des Weges – und es gibt immer ein Ende – steht vielleicht ein warmer Ofen, oder das gütige Herz eines Fremden mit dem man die Sorgen teilt im Gespräch. Oder der unerwartete Wetterumschwung und der etwaige Hoffnungsschimmer, dass schon alles wieder wird. Ich halte mich an solchen Erinnerungen gerne fest, helfen sie doch selbst in den düstersten Momenten. Wie St Julian von Norwich einst sagte: „Alles wird gut sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein“.

Macht’s gut und bis die Tage.

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Angst

‘Wenn Dich etwas betrübt oder bekümmert, dann kommt der Schmerz nicht von dem Dinge selbst, sondern von dem was Du daraus machst; und Du hast die Macht, diesem die Kraft zu entziehen‘. Das stammt von Markus Aurelius und ich vermute einmal dass er von solchen Sachen wie Angst etwas wusste. Er starb, so wird vermutet, an einer Pest. Als einer der letzten Stoiker hatte er wahrscheinlich akzeptiert dass die Pest seiner Zeit nicht unter seiner Kontrolle war, aber seine Reaktion und wie er damit umging, sehr wohl. So steht es jedenfalls geschrieben.

Viele Einsichten von Markus Aurelius haben mich über die Jahre begleitet und diese eben genannte hat sich gerade neu gemeldet. Wie viele andere Menschen im Moment, lebe auch ich unter Pandemiebeschränkungen und den damit verbundenen Ängsten. Mich zu infizieren mit dieser scheußlichen und sehr ansteckenden Krankheit ist ein ernsthaftes Risiko für mich. Ältere leiden mehr als junge, Menschen mit bestehenden Leiden mehr als gesunde. Im Durchschnitt jedenfalls. Carl Brandauer jedenfalls hat einen Hausarzt und der sagte ihm diese Woche: ‘Das überlebst Du nicht!’

Das tut weh.

Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass meine Einschätzung dieses Unstandes ziemlich ernst ist, aber damit umgehen muss ich dennoch und über das ‘wie’ da kann und muss ich mitentscheiden.

Ich versuche mehr oder weniger erfolgreich zu vermeiden, verängstigt und tatenlos herum zu sitzen. Das ist nun wirklich einfacher gesagt als getan. Aber ich habe ein Dach über dem Kopf und das Zimmer ist warm. Ich habe genug zu essen, ein bequemes Bett und einen klaren Kopf. Beneidenswert. Viele haben das nicht. Ich erinnere mich täglich an ein paar Segnungen die das Leben mir geboten hat. Das ist eine wirksame Übung und bringt Licht in jeden neuen Tag. Im Moment gibt sie mir noch zusätzlich ein bisschen extra Stützung. Die brauche ich auch.

Wie überall hat auch mein Leben im Moment seine ungewöhnlichen und weit greifende Herausforderungen. Was soll man machen mit Mitbewohnern, Kindern, Jugendlichen, Untermietern, die von sonst wo nach Hause kommen? Wie bleibt man sicher, gesund, wie bleibt man klar im Kopf in der unfreiwilligen Isolation? Wichtige Fragen und die Worte von Markus Aurelius kommen mir wieder in den Kopf. Ich versuche, vernünftig zu bleiben und sehe mich an, die Dinge einzeln und nach und nach ruhig anzugehen. Es ist wirklich nicht einfach, aber ich versuche es.

Hier geht es nicht um die Angst, etwas zu tun, vor dem man Angst hat. Hier geht es nicht um etwas sich zu trauen. Hier geht es um Besonnenheit, Zuversicht und Hoffnung, die Kraft zu finden, weiter zu machen. Schritt für Schritt. Hier geht es um den ständigen Kampf gegen diese aufdringlichen inneren Stimmen, die immerzu flüstern: ‘was soll das alles? Ist sowieso egal….kriegst Du ja sowieso, diese Krankheit.’

Mit dieser Angst zu leben finde ich schwer. Und so haben mir viele Gespräche geholfen letzte Woche, mit Lesern, Freunden, Familie und Kollegen. In gewisser Weise rückt das alle bewegende Thema immer wieder ins Zentrum des Gesprächs. Ungemein hilfreich war hier immer wieder der starke Eindruck, dass das Leiden ein geteiltes Leiden ist. Wir alle leben damit. Wir sind nicht allein. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wir haben also, nach Aurelius, die Kraft, uns den Auswirkungen dieser Ängste zu entziehen, ihr die Kraft zu nehmen. Das konnte ich noch nie so gut und schon deshalb vielen Dank an alle, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, und die mir geholfen haben, mich den zur Angstbekämpfung nötigen Kraftanstrengungen besser stellen zu können.

Ich wünsche auch euch Kraft und Mut, weiter zu machen und dabei ruhig zu bleiben. Ich lese im Moment ein paar zu lang vergrabene Bücher. Es lenkt mich ab und die Seele tut das Ihre mit der Angst so nebenbei und unbemerkt. Ich hoffe, auch ihr findet eine gute Beschäftigung und Ablenkung von den Sorgen.

Einfach nur herum zu sitzen bringt mich zum zweifeln und Zweifel erzeugt Ängste. Wenn ich mich beschäftige, wie schwer es auch sein mag, mich vom Sofa zu ziehen, vergehen die Zweifel und Zuversicht wird spürbar. Und Zuversicht macht Mut, weiterzumachen. Und dieser Mut hilft mir, dem die Kraft zu entziehen, was mir in dieser Pandemie Angst macht.

Bleibt gesund und bis die Tage

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Grenzen spüren

Für Markus

Vor nun fast einem Jahr hatte Carl Brandauer einen Schlaganfall. Ein gewaltiger Schuss vor dem Bug. So vieles war am Werden und Gestalten. Viele Pläne waren geschmiedet, Freude aufs Nächste groß. Alles kam zum Stillstand. Alles, vor allem Innerlich. Und die Augen wurden geöffnet, ganz arg weit.

Es ist kein Geheimnis, dass Menschen sich durch gesundheitliche Krisen oft zu ändern scheinen. War das auch bei Carl Brandauer so? Ja und Nein, geändert hat er sich eigentlich nicht, nur was er sieht und wie, sehr wohl und was er lange zu sein glaubte, auch das ging über Bord. Zurück blieb nur er selber wie er wirklich ist, schon immer war oder vielleicht schon immer hätte sein sollen.

Dennoch, nichtige Streitigkeiten sind ihm jetzt mehr zuwider als je zuvor. Eitelkeiten und sich Aufblasen, sowieso niemals sein Ding, sind jetzt erst richtig abgesagt. Und das Verlangen, sich blöden oder einfach dummen Äußerungen zu stellen wenn es vermeidbar ist, vor allem von denen die es auf Grund ihres Standes und Amtes eigentlich besser wissen sollten, die ist jetzt auch völlig weg retuschiert. Akzeptanz zu finden, zum Beispiel, für Ignoranz von vor allem jüngeren Mitarbeitern, das ist jetzt eine echte Herausforderung geworden aber man ist ebenso überrascht wie man sie auf einmal meistert irgendwie, ohne großes Tun. In gleichem Maße sind die Fähigkeiten zu Verzeihen und Verzichten immens gewachsen. Nicht mehr jeder Streit um Banales ist Carl Brandauers Aufgabe zu schlichten, nicht mehr jedes offenkundig falsche Argument seine Aufgabe anzufechten, nicht jeder Umstand, so bedauerlich er auch sein mag, für ihn zu verbessern. Oft sind es andere, nicht selten von zweifelhaften Ambitionen getriebene Kollegen, die das Leben unnötig erschweren und komplizierter machen als es nötig oder ratsam ist. All das kümmert ihn weniger. Wer einmal auf der Matte lag, so richtig nah am Fenster zum Jenseits, der hat willentlich oder nicht, für solche Geschichten ganz einfach keine Zeit mehr. Wenn überhaupt etwas, so sind solche weltlichen und menschlichen Anzeichen nur noch Anlass für leichte Irritation oder ganz einfach tiefes Bedauern. Etwas hat man erkannt und waltet dadurch anders im Leben das verbleibt. Zu diesem Etwas gehören auch die Grenzen denen man sich plötzlich fügt, fügen sollte, auf einmal akzeptieren kann, erkennen kann und auch erkennen muss.

Wieviele Scharlatane weisen uns an, unsere Grenzen zu sprengen, das Grenzen wohl nur ein Gespinst sind, gewoben aus unserer eigenen Schwäche, das die Welt grenzenlos ist, und es nur an uns selbst liegt, wo sie liegen, diese Grenzen. Alles geht, sagen sie uns, nur wir selbst sind uns im Weg. Zu lange bin auch ich diesen Stimmen gefolgt. Heute halte ich sie für gefährlichen Unsinn. Wie viel besser würde es sein, wenn wir versuchen würden, schon früher ‘sich selbst’ besser kennen zu lernen in jeder Hinsicht und zu lernen wer wir wirklich sind. Das bessere Kennen der eigenen, wirklichen Grenzen käme mit alledem und dazu vor allem die Einsicht in den Unterschied zwischen dem was unsere wirklichen Grenzen sind, innerhalb derer wir frei sind, um zu leben für das wir geschaffen wurden, und solchen die uns gesagte Scharlatane offerieren, als uns auferlegt reklamieren, uns Kommerz einredet, überwinden zu können mit dies und jenem Produkt, uns korrupte Politik zu überzeugen versucht, wenn sie sagt etwas sei gut für uns. Von letzteren Grenzen möchte ich nicht weiter reden. Erstere jedoch, Grenzen die uns als Individuum anhaften, mit denen wir zur Welt kamen, die es nichts kostet zu erkunden als Verstand, Vernunft und Bescheidenheit, die sind es von denen ich spreche. Sie nicht zu kennen ist wie das Suchen im dunklen Wald, sie nicht kennen zu wollen ist Ignoranz, sie nicht zu erkennen versuchen, eine Garantie auf langwierige Fehler, vergeblichen Versuchen, Leid und Enttäuschung. Ich kann ein Lied davon singen. Fast hätte ich die Kurve nicht gekriegt.

Grenzen spüren war mir in der Jugend ein Verlangen, doch hat sich dieses Verlangen in ein ‘Erinnert Werden Wollen’ gewandelt. Wo früher der Drang an Grenzen zu stoßen als treibende Kraft waltete, sie vielleicht sogar zu durchbrechen, ist heute die Vorsicht vor dem an die wirklichen Grenzen zu gelangen, ein vorwiegendes Motiv für Aktionen aller Art. Nicht unerwartet geht jetzt vieles nicht mehr einfach so, doch überraschenderweise und oft unerwartet geht so manches jetzt allerdings sehr viel einfacher. Schon seltsam, denn keine brachiale Gewalt scheint mehr nötig sondern Umsicht und Verstand treten vermehrt ein. Wo es einst mit dem Kopf voran durch die Mitte durch musste, geht jetzt vorerst alles erst einmal durch den Kopf.

Doch diese Verwandlung oder Veränderung kann bisweilen auch heute noch schief gehen was das Interpretieren der Zeichen angeht. Vielleicht überschätzt man bisweilen immer noch seinen physischen Zustand bei Bergwanderungen oder die Ausdauer der Konzentrationsfähigkeit bei langen Arbeitssitzungen, die bis in den Abend gehen können. Das richtige Einschätzen des jeweiligen seelischen und physischen Zustandes ist eine nicht leichte Aufgabe und es gibt keine Konstanten. Jeder Tag ist anders, jede Situation unterschiedlich und auch die Jahreszeiten und das Wetter spielen eine Rolle, wie auch die Qualität des Schlafes in der Nacht zuvor. Man bezahlt hier heftiger als früher für Irrtümer und Erholungszeiten werden länger je nach Grad des begangenen Fehlers. Doch mit der Zeit lernt man besser, die Zeichen zu orten und zu verstehen.

Man zündet eben die Kerze nicht mehr an beiden Enden an. Man brennt langsamer, weniger hell aber beständiger und verlässlicher und man gibt weniger leicht auf, denn eine Qualität die man erlernt hat beim an die Grenzen zu stoßen wenn man älter ist, ist eine bestimmte Art der Geduld. Jugend hat keine Geduld, ja sie darf sie nicht haben, sonst wäre sie eben nicht Jugend. Die Fähigkeit zu warten, Ungelöstest eben ungelöst zu belassen für längere Zeit, mehrere Probleme in der Schwebe zu halten für längere Zeit, das kann keine Jugend. Warum soll sie es auch können? Gelehrt wird es ohnehin nicht, vor allem nicht in der heutigen Welt in der alles verlangt wird, jetzt, sofort, in immer mehr vorgeschriebener Weise.

Carl Brandauer kehrte kurze Zeit nach seinem Schlaganfall zurück ins Berufsleben als der, der er eigentlich hätte schon früher sein können und sollen. Eigentlich der Gleiche und doch mit verlässlicherem Blick. Aber jeder hat seine eigene Odyssee zu bewältigen bevor er das schaffen kann. Warum das so ist, verbleibt mir trotz aller Anstrengungen verborgen. Aber Grenzen zu spüren, sie zu spüren erlernen, lieber früher als später, erscheint einer der Schlüssel für eine bessere, einfachere und angenehmere weitere Reise zum Ziel.

Bis die Tage

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Los lassen

‘Kein Dummkopf der los lässt von dem was er nicht zu halten vermag, um zu bekommen, was er nicht verlieren kann.‘ so ungefähr lässt sich aus dem englischen übersetzen was Sandy Millar, Dekan an der Heiligen Dreifaltigkeits Kirche in London vor vielen Jahren einmal sagte. Es war Sonntag und ich am zuhören, ein kleines Kind an jeder Seite und eins auf dem Arm. Damals war man noch jung, und stolz. Es war die Zeit der Saat und Worte fielen von denen ich vielleicht heute erst viele zu schätzen vermag. Zu sagen dass ich sie völlig verstehe, könnte nur heißen dass ich nichts gelernt habe seitdem.

Es ist Herbst. Mein japanischer Ahorn dröhnt in vollem Rot. Das letzte Stadium der Blätter dieses Jahr und das Schönste. Bald wird der nächste Sturm die tief roten Blätter verwehen und das war es dann dieses Jahr. Bis zum Frühling. Ich staune jedes Jahr. Alle hier in der Brandauer Familie staunen darüber. Doch für mich ist es irgendwie dieses Jahr besonders symbolisch, dass ein zu Ende gehen so kurz und doch so schön sein darf. Die Erinnerung an dieses Spektakel verbleibt noch lange nachdem die Blätter schon verweht sind.

Ich spüre wie sich mit jedem Jahr mein Verhältnis zu materiellen Dingen ändert, das Besitz immer weniger Bedeutung hat und anstatt dessen Beobachtung und Erkenntnis immer wichtiger werden, dringender. Das Anschaffen von Gütern über die Notwendigkeit hinaus, Geiz und Begierde nach materiellen Dingen, all das scheint irgendwie zu verschwinden, oder ist einfach nicht mehr da. Unser letztes Hemd hat keine Taschen. Wir können nichts mitnehmen.

Die Kinder gehen jetzt ihren eigenen Wegen nach. Gut! Ich hatte schon früh beschlossen, sie niemals in Richtungen zu drängen die ich es selber nicht zu wählen schaffte. Was ich nicht erreichte, soll kein Ziel meiner Kinder sein. Sie müssen selber wählen, entscheiden, leben. So ist es richtig. So muss und soll es sein. Doch wünsche ich allen fünf von ihnen das Beste auf ihren individuellen Wegen.

Ich habe getan was ich konnte. Kämpfte so gut ich es eben konnte. Oft habe ich aus eigenem Verschulden nicht immer alles so geschafft wie ich es wollte oder hätte können. Wer kann das? Doch bin ich aus alledem eben zu dem und dessen geworden der ich bin.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem ‘etwas aufzugeben‘ und dem ‘etwas los zu lassen’. Diese Einsicht war wichtig auf meinem Weg. Und das Loslassen braucht Mut weil es allzu oft um etwas geht an dem man sehr hängt. Es ist vertraut. Man kann sich nicht einfach so trennen. Aber das Leben geht weiter und weil sich eben vieles Vertrautes auch ändert oder einfach nicht mehr so funktioniert wie einst, muss man auch selbst sich besinnen und neue Wege wählen. Man hat fast keine Wahl. Selbst das Stillstehen ist eine Entscheidung.

Was nun, also?

Es reicht nicht, sich an die Vergangenheit zu klammern. Auch können wir uns nur vergeblich eine Bessere wünschen. Und fest zu halten reibt auf. Warum also nicht die verbleibende Kraft in das Neue investieren? Von dem was ich bin und habe zu lassen, um vielleicht doch noch zu dem ich noch in Stande bin zu werden, hat Versprechen. Doch noch einmal eine Brücke über die wilden Wasser der Gegenwart zu schlagen, hinüber in das unbekannte Morgen, auch darin liegt Hoffnung. Es ist unsere Wahl wann wir loslassen und loslegen, denn loslassen müssen wir sowieso irgendwann einmal. Es früher zu tun, wenn es noch unsere eigene Wahl verbleibt, braucht den erwähnten Mut doch der Lohn des Aufbruchs erwartet uns auch wenn das Unbekannte unheimlich verbleibt.

Was gibt es also zu verlieren wenn man los lässt? Eigentlich gar nichts. Und doch alles zu gewinnen.

Bis die Tage

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Übers Leben

Einsamkeit

Wird im Moment übersetzt. Einen Moment Geduld bitte. Nicht mehr lange.

Bis die Tage