Kategorien
Übers Leben

Camino Primitivo

Ein Ausblick vom Camino Primitivo, den ältesten der Jakobswege im Norden Spaniens. Weniger bekannt als sein berühmtes Gegenstück, der Camino Frances, führt dieser nicht über die Pyrenäen sondern von der Nordküste Spaniens über die sehr steinigen Wege Asturiens nach Santiago di Compostella.

Begangen vor drei Jahren blicke ich noch heute, und gerade heute, auf diese Pilgerreise zurück. Man läuft mit nur wenig Gepäck. Alles muss getragen werden. Jeden Tag auf 20-30 km langen Routen. Über Stock und Stein, bergauf und bergab. Ich hatte immer gedacht, dass solche Strecken zu laufen kein Problem ist. Ist es eigentlich auch nicht. Doch es jeden Tag zu laufen, das ist etwas ganz anderes. Das kann man nicht erklären. Das muss man nur spüren und alles ist klar. So einiges an fehlerhaften Gedanken bleibt auf der Strecke. Die Maske fällt ab und der eigene Kern kommt unentstellt zu Tage. Was bleibt ist nur sich selbst wie man wirklich ist. Tränen können fließen wenn der Regen kommt und man noch Stunden von schweren Wegen vor sich hat zur nächsten Herberge, ohne Schutz vor den Naturgewalten, nur mit sich selbst allein auf langen, schwierigen Wegen. Asturien zu belaufen ist darüber hinaus nur mit großer Ausdauer begehbar. Fast nie gibt es gerade Wege. Immer geht es hoch und runter, oft steil und gefährlich, vor allem wenn es regnet, oder wie bei mir, wenn es schneit im April. Das Wetter im Norden Spaniens kann tückisch sein.

In diesen ungewissen Zeiten heute, mit sehr großen Sorgen auch bei mir, wie viele andere Menschen auch, denke ich unweigerlich zurück an diese Pilgerreise. Existentielle Fragen stehen an, Fragen über Job, Sicherheit, Lebensunterhalt, Gesundheit und vieles mehr. Damit zu leben ist nicht leicht. Und doch erinnere ich mich an diese Wanderung auf der ich in große Not geriet. Auch das gehört zum Weg, die Gefahr, Unfälle, Krisen.

Wie leicht unser ‚Lot‘ ist, das ‘Gepäck’ das wir täglich zu tragen haben, ist nicht immer in unserer Hand wie es auf einer langen Wanderung ist. Und doch kann man, muss man vielleicht sogar, von gewissen und nicht authentischen Dingen, und vor allem schlechten Gedanken, loslassen. In gewisser Hinsicht hat man da keine Wahl mehr. Nein, nicht immer können wir entscheiden wieviel wir täglich zu tragen haben, aber wir können entscheiden wie wir es tragen und vielleicht auch wie schnell wir gehen und wie oft wir Pause machen. Auch ich muss mich im Moment wieder mehr daran erinnern. Häufiger als sonst, auch ohne Coronavirus.

Am Ende des Weges – und es gibt immer ein Ende – steht vielleicht ein warmer Ofen, oder das gütige Herz eines Fremden mit dem man die Sorgen teilt im Gespräch. Oder der unerwartete Wetterumschwung und der etwaige Hoffnungsschimmer, dass schon alles wieder wird. Ich halte mich an solchen Erinnerungen gerne fest, helfen sie doch selbst in den düstersten Momenten. Wie St Julian von Norwich einst sagte: „Alles wird gut sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein“.

Macht’s gut und bis die Tage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.