Kategorien
Übers Leben

Wolfsstunde

Mein Physik Professor an der Universität vor langer Zeit, ein richtig netter und tiefer deutscher ‘Gentleman’ von schon höherem Alter, berichtete damals von Stunden, in denen er Nachts nicht schlafen konnte. Er nannte das Wolfsstunde, wobei er allerdings hinzugefügte, dass ihm diese nächtlichen Stunden weniger Melancholie servierte sondern mehr eine gewisse Zeit, mit sich selbst allein zu sein, mit allem was dazu gehört. Mit dem völligen wach sein, erschien es ihm plausibel, sich mit guter Kleidung anzuziehen, einen sorgfältig zubereiteten Kaffee an die Seite zu stellen, und solche Dinge zu überdenken, für die tagsüber eben ganz einfach keine Zeit war. Diese Zeiten, Wolfsstunden, wie er es nannte, wurden dann auch allmählich Bestandteil seines Lebensablaufs.

Für viele sind solche nächtlichen Stunden eher weniger angenehm. So auch für mich, anfangs jedenfalls, bis ich mich eines Tages an meinen Prof erinnerte, der an diesem Tag damals überhaupt Weisheiten von sich gab, die unverstanden und vergessen im Gedächtnis blieben und deren Inhalte erst heute Triebe zeigen.

Das Wachsein will akzeptiert werden. Die Biologie erzählt uns viel von Hormon Pegeln in der Nacht, von Störungen, von unnatürlichen Unterbrechungen in der nächtlichen Ruhepause. Erst mal akzeptiert als Faktum, lassen sich aber solche wolfsstündliche Abschnitte in der Nacht durchaus in positive Erfahrungen verwandeln, bis zu dem Punkt, dass man sich schon freut auf ein paar Momente der Ruhe, mit wachem Geist und kreativen Gedanken. Als Musiker stelle ich fest dass alle meine beste Musik in der Nacht komponiert wurde and wird. Am Tage geht das nicht. Zuviel Druck, Arbeit, Telefonate, emails, Leben und Sorgen. In der Nacht, erst einmal wach und die Schwärze abgeschüttelt, wie zum Beispiel das Einreden dass ‘man’ in der Nacht zu schlafen hat, können die Minuten oder sogar Stunden lebensverändernde Gedanken entstehen lassen.

Eine englisches Buch hat den Titel ‘Tränen in der Nacht, Lächeln am Morgen’. So scheint das auch bei mir zu laufen. Die Freuden, Belange, Sorgen und Nöte meiner Lieben sind dabei ganz oben auf der Liste der Gedanken. Dann kommt tiefe Reue über Vergangenheit über die man nicht immer stolz ist und bis heute auch serviert bekommt von denen die zum wirklichen Verzeihen nicht in der Lage sind. Oder das Trauern über Streitigkeiten die keine sein müssen und es doch stellvertretend für vieles andere sind. Wir leben in einer Pandemie, man hockt aufeinander, die verschiedenen und unterschiedlichen Ansichten schwelen über dem Feuer persönlicher und charakterlicher Unterschiede und bevor man sich versieht, erklingen die Töne unversöhnlicher Streitgespräche wobei die Thematik keine Rolle mehr zu spielen scheint. Es gilt nur noch, Dampf abzulassen und auszuteilen anstatt sich zu besinnen und Erlerntes wirken zu lassen. Ein Lied von mir heißt ‘Müde vom Kampf‘ (‘Tired of the fight’). Auch dieses Lied schrieb ich in der Nacht. Wie satt ich sie heute habe, diese Momente des Ausdrucks unversöhnlicher Gegensätze. Wir brauchen einander. Jetzt mehr denn je. Aber wir streiten weiter. Um nichts. Und nichts Gutes kommt dabei heraus außer eben Dampf abgelassen zu haben. Eine seltsame Rechnung geht auf. Momentane Erleichterung, ein Austausch jedoch von Frustration und schlechten Gefühlen. Man ist eher unglücklicher ist als zuvor, nicht mehr wegen des ursprünglichen Drucks und eingepferchter Frustration sondern durch Gefühle der Schuld, eben mal so richtig jemanden Meinung gesagt zu haben, es aber auch mal so richtig gesagt bekommen zu haben. Wie bescheuert das Ganze ist. Vielleicht ist hier ein bisschen Wolfsstunde eher nötig als lästig. Zur Besinnung zu kommen. Ein jeder kehre vor seiner Tür, so heißt es. Aber auch das zu tun stößt bisweilen auf Kritik. Sich nicht an Streitigkeiten zu beteiligen bedeutet auch, sich dem Risiko auszusetzen, sich Kritik einzuholen, eben nicht verteidigt zu haben was man als belanglos, unnötig oder vielleicht sogar als völlig falsch ansah. Man wird als Schwächling bezeichnet, als Feigling und kraftlos. Jeder Stifter des Friedens weiß dass diejenigen, die auf Einen zählten im Kampf der Worte, das Schweigen, das Schlichten Wollen, als unverzeihliche Schwäche ansehen und es als solche erbarmungslos kritisieren. Und die tiefen Auswirkungen solcher Kritik wirken noch lange nach, lange nachdem die Streithähne sich wieder versöhnt haben. Friedensstifter verlieren immer, zu Gunsten des Friedens der anderen.

Auch solche Gedanken schleichen sich des Nachts ins Gemüt. Das Richtige zu tun erzielt selten den Lohn den es verdient. Aber das ist in Ordnung. Was zählt ist trotz alledem weiterhin das Richtige zu tun.

Zur Ruhe kommen, in diesen stillen Zeiten der Nacht, weniger Melancholie und mehr Besinnung., darauf kann ich in diesen Tagen zählen in der Wolfsstunde, der nächtlichen Zeit der Wache.

Damit belasse ich es jetzt erst mal heute.

Bleibt gesund und macht’s gut. Bis die Tage.

Kategorien
Zeitgeist

Isolation

Die momentane Pandemie zwingt uns alle, Abstriche zu machen. Wir sind wie eingesperrt.

Es fällt mir in diesem Zusammenhang äußerst schwer, diesbezüglich dem Rat der Britischen Regierung zu folgen, wenn man den Geschehnissen nachsieht, den Pleiten, die Inkompetenz erlebt, das ständige Zögern und die unerträgliche Tendenz ertragen muss, alles in ihrem Interesse politisiert vorgesetzt zu bekommen. Selbst der Zwang zum Handeln wird nicht verschont. Es ist buchstäblich zum Kotzen denn das Handeln Müssen ist selbstverständlich. Es darf nicht politisiert werden wenn Menschen im Land täglich in den tausenden sterben.

Für mich ist es selbstverständlich, mich so viel wie möglich zu isolieren, um selbst nicht zu erkranken und vor allem meine Mitmenschen zu schützen helfen. Dabei gefällt es mir allerdings eher weniger, von zwei Polizisten mit strenger Miene ausgefragt zu werden, wie passiert letzte Woche nach einem Überflug einer Polizeidrohne, warum ich mit meinem Hund allein im lokalen Park spazieren gehe. Ist ja erlaubt. Noch.

Es ist mir klar, dass es Idioten gibt, die das alles so sehr viel besser wissen und ihre Parties weiter feiern aber mit einer heftigen Buße bedroht zu werden für ein alleiniges Gassi gehen macht mich dann doch nervös und tut wenig, meine Meinung zu ändern, dass wir hier in England

von einem Haufen narzisstischen, selbst gefälligen, Macht besessenen, bedauernswerten und inkompetenten Halbdackeln regiert werden, die total unverständliche Regelwerke verabschieden, welche dann von von vermeintlich gut meinenden aber im allgemeinen ahnungslosen Polizisten angewendet werden. Zumindest wird das versucht doch der Glaube an die Notwendigkeit des ganzen bleibt dabei auf der Strecke.

Mir ist klar, dass ich mich hier in England, als Deutscher, mit solchen Aussagen Kritik aussetze. Aber ich sehe es so und habe bislang keinen Grund oder Anlass, das zu revidieren. Leider.

Die Stärke meiner Reaktion ist auch ein Nachwirken der momentanen Konsequenzen des vier Jahre lang verhandelten Brexit Abkommen. Während die hiesigen Politiker den ‘Erfolg’ feiern, nehmen die holländischen Grenzler den Brummie Fahrern die Schinkenbrote ab und britische Musiker begreifen, dass sie von nun an in vielen EU Ländern ein Visa brauchen und teilweise auch eine Arbeitserlaubnis wenn sie dort auf der Bühne stehen wollen. Ich könnte noch viele andere Beispiele nennen. Es ist ein heller Wahnsinn was hier passiert. Wie kann man solchen unterdurchschnittlichen Politikern dann noch in einer solchen Pandemie vertrauen? Nein, ich bin nicht glücklich mit alledem und was die Pandemie angeht isoliere ich mich weiter und warte eben bis ich an der Reihe bin mit der Nadel und dem Vakzine.

Was das Abstriche abgeht, das Eingesperrtsein, da bin ich überrascht über die Auswirkungen obwohl sie zu erwarten waren. Ich lebe vielleicht meist sowieso relativ privat, aber die Erkenntnis, eben nicht ins Konzert gehen zu können, einfach mal kurzfristig zum Buchhändler in die Stadt zu wandern oder an den schönen Norfolk Strand fahren zu können, 30km Richtung Norden, das alles finde ich eher nicht so ganz einfach. Das Wissen, es nicht zu können, selbst wenn ich in der momentanen winterlichen Kälte sowieso zu Hause bleiben würde. Dieses Wissen, dass das alles im Moment nicht geht, fällt mir äußerst schwer. Ich fühle die Einschränkung, fühle das Eingesperrt Sein. Das äußert sich zum Beispiel bei der Arbeit. Ich sitze vor dem Bildschirm zu Hause, will arbeiten, erkenne die Problematik, weiß um die Lösung aber ich kriege wenig auf Papier. Leerlauf. Das ist kein Aufschieben. Ich schiebe nichts auf. Aber irgendwie fehlt der Funke, der Antrieb. Das Einzige dass in den Kopf kommt ist das Wort ‘Raus’. Raus aus dem Haus. Ich will meinen Frieden zurück. Aber das geht eben im Moment nicht. Stillstand. Trübsal blasen als Konsequenz. Melancholie. Oder man ist irritiert. Oder alles zusammen. Es hat keinen Sinn, sich zu sagen ‘reiß Dich zusammen’. Habe ich schon versucht aber irgendwie fehlt der Ansporn. Irgendwie habe ich hier noch nicht die Lösung gefunden und die einzige Erleichterung in alledem ist die Tatsache, dass es meinen Kollegen genau so geht. Vor allem denen, die alleine leben.

Court grants prisoner permission to use his laptop in prison cell | News24

Dieses eingesperrt Sein ist scheußlich. Es ist ja in der Tat der Grund warum man für viele Verbrechen eingesperrt wird. Man weiß dass es weh tut, eingesperrt zu sein. Der einzige Unterschied ist dass wir ja nun eben nicht Gesetze gebrochen haben, die eine solche Strafe rechtfertigen würde. Das Ganze stinkt wirklich zum Himmel.

So verbleibt eben der eine Trost. Wir sind nicht allein damit. Dieses eingesperrt Sein trifft uns alle. Die Risiken und Konsequenzen auszubrechen bei allen die Gleichen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich halte mich an solchen Krücken fest.

Habe ich noch andere Vorschläge? Eher nicht und doch habe ich fest gestellt dass ich vieles tue, für so manches Zeit habe, was ohne Isolation nicht wäre. Aufgeschobene Reparaturen im Haus: alle erledigt. Ein paar neue Lieder geschrieben. Alte Freunde kontaktieren (ohne Facebook), mehr lesen. Irgendwie habe ich angefangen, andere Dinge zu tun als sonst. Und es lohnt sich in unerwarteter Weise. Und ich bin darüber hinaus dabei, jetzt eben doch mehr ins Innere zu schauen. Da sind wir alle sehr gut im Vermeiden. Aber da gibt es Schätze zum ausgraben und dabei vergeht die Zeit fast unbemerkt.

Vielleicht doch noch die Möglichkeit für etwas mehr Selbstfindung. Und da müssen wir eben den inneren Stimmen zuhören. C G Jung sagte dass der Blick nach Außen zum Inneren gewandt werden muss. Sich selbst entdecken gibt einem alles was man ist, wofür man geschaffen ist, alles was was man zum Leben braucht und alles für was es sich zu leben lohnt.

Und ums ins Innere zu schauen, grabe ich dann gerne auch alte Photos aus.

Auch daran halte ich mich im Moment fest. Außen gibt es im Moment nicht viel außer Ärgernissen. Vielleicht hat CG Jung hier recht. Er hat meistens recht.

Ernsthaft, in dieser scheinbar nicht enden wollenden Pandemie und der damit verbundenen Isolation zeigen alle Wegweiser, wie es scheint, ins Innere und die Pfade dahin sind alle offen. Wir zögern. Klar. Keine dummen Politiker hier, keine halbgebackene Politik und Regelwerke oder Gesetze, aber ansonsten wissen wir nicht was wir finden werden. Aber wie schon mal zitiert, die dunkle Höhle im Innern, vor der wir uns am meisten einzutreten fürchten, verbirgt die Schätze die wir am meisten suchen.

Vielleicht doch ein Hilfsmittel gegen das eingesperrt Sein. Ich werde es mal versuchen. Wie ist es mit Dir?

Macht’s gut und bis die Tage

Kategorien
Zeitgeist

Gutes neues Jahr

So, jetzt haben wir 2021. Liebe Leser und Leserinnen, verzeiht mir die Verspätung. Brexit, dieser wahnsinnige Rückschritt ist jetzt besiegelt, wir haben eine aus der Kontrolle gehende Pandemie, beängstigende Inkompetenz in unseren Führungskreisen, eine Mob der das US Kapitol besetzt….irgendwie habe ich da den richtigen Übergang verpasst. Wir scheinen in einer bestätigenden und wachsenden Schlammschlacht zu waten.

Wir sterben in den tausenden jeden Tag und weiterhin jedoch ignorieren zu viele die Realitäten und kläglichen Regeln zur Begrenzung des Ganzen. Wir sind eingepfercht in unseren Lebensräumen, Wohnungen, Häusern. Etwas was ich letztes Jahr versucht habe, zu beschreiben, kommt jetzt wieder ans Licht. Wir sind im Moment alle vermehrt als Individuen gezwungen, auf unsere unangezapft gebliebenen Ressourcen zurück zu greifen. Bis jetzt konnten wir das ganz einfach, es gab ja immer noch etwas zum kaufen als Ablenkung, einen neuen Strand irgendwo zu entdecken, um zu suchen versuchen, was nur in unserem Innern zu finden ist, durch Bescheidenheit und bisweilen unangenehme Anstrengungen. Ablenkung is ein wirksames Mittel der Vermeidung der Realitäten. Aber im Moment verschafft Ablenkung keine Erleichterung mehr. Bei mir jedenfalls nicht. Den Tatsachen ins Auge sehen, unsere Aufgaben zu akzeptieren, mehr Leiden zu verhindern helfen, Abstriche machen an unseren Ambitionen und Erwartungen, große Abstriche, was wir eigentlich tun wollen, objektiv zu bleiben und Dinge so zu nehmen wie sie sind und nicht wie wir sie sehen wollen und vor allem, freundlich und vergebend gegenüber denen zu verbleiben, die gegen ihren Willen in Pandemie bedingten Bedingungen auf engstem Raum mit uns auszukommen versuchen.

Nein, es sind keine einfachen Zeiten. Viel wird von uns verlangt, vor allem in Bereichen in denen wir normalerweise weniger Zeit zu verbringen versuchen. Barmherzigkeit, Geduld, Zuversicht, Hoffnung, in Bereichen wo es eher weniger Sicherheit zu geben scheint als gewohnt und es scheint auch kein Ende in Sicht. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Ich schlafe eher weniger im Moment. Ich leide nicht so sehr an dieser Schlaflosigkeit als das ich eben mehr als sonst diesen unterschwelligen Pulsschlag zu fühlen glaube und das ist eher weniger angenehm im Moment. Es geht uns allen nicht zu gut. Etwas tut uns mehr weh als sonst. Man kann es spüren.

In solchen Zeiten – und der Winter hilft hier nicht – versuche ich bewusst dankbar zu sein für ein warmes Bett, einen vollen Kühlschrank, trockene Füße. Einfache Dinge und doch so wichtig. Es könnte schlimmer sein, sage ich mir. Geben wir es ruhig zu. Und es gibt eben keine Sicherheit. Es gibt sie sowieso nicht aber im Moment jedenfalls scheint es noch weniger Gelegenheiten und Möglichkeiten zu geben, das zu verdrängen. Im Moment zu leben, los zu lassen usw, letztes Jahr schrieb ich darüber und wie schon gesagt, ich lese im Moment erneut meine eigenen Gedanken vom letzten Jahr.

Vielleicht ist jetzt wirklich der geeignete Augenblick, erneut in uns zu kehren und zu bewältigen versuchen, was uns zeitlebens zu schaffen gemacht hat und eben nicht nach erneuter Ablenkung zu suchen, noch ein Fest, noch eine Party, noch ein Versuch, uns einzureden darin läge die Lösung. Wenn wir es nicht schon in uns tragen, werden wir die Keime zum Glück in solchen Versuchen der Ablenkung auch nicht finden.

Es ist in uns. In greifbarer Nähe.

Als ich anfing zu schreiben war meine Absicht, nicht allzu offen und intensiv über Politik und weltliche Geschehnisse zu elaborieren. Eher weniger. Aber ich finde, es muss heute doch mit einbezogen werden da es, im Moment jedenfalls, in so vieler Hinsicht vermehrt den Hintergrund bildet, auf dem unser Leben sich zu bewegen scheint. Das Äußere und Innere unserer Welt ist ineinander verschlungen. Und während es eher schwieriger ist – aber im begrenzten Sinne möglich – im Moment die Äußere Welt zu ändern, so können wir sehr wohl beeinflussen was in uns geschieht. Und darüber beabsichtige ich weiterhin zu schreiben oder eben offen nachzudenken. Hinter jedem noch so schwarzen Hintergrund erscheint ein kleiner heller Fleck als Stern. Man muss in der Tat in die Dunkelheit treten, um überhaupt die Sterne zu sehen. Und je mehr Sterne, umso heller das Licht im Bilde.

Ich erhielt kürzlich eine persönliche Mitteilung nach einem Beitrag, von einem mir unbekannten Leser der mir sagte, er hätte so ziemlich alles verloren doch fand in meinen Worten Hoffnung, ‘einen Lichtblick’ nannte er es, einen Lichtblick für den kommenden Tag. So etwas spornt an, weiter zu schreiben. Einen positiven Unterschied zu machen, im Leben eines Freundes, Nachbars oder Fremden….versuche es einmal. Es öffnet die Augen. Ich bekam auch eine Mitteilung von Bekannten in der Schweiz und es war wirklich schön und unerwartet und zog mich selbst aus dem momentanen Blues. So etwas sollten wir öfter tun. Einander helfen, aus den Dreck zu ziehen. Ein alter reformierender Alkoholiker sagte mir einst ‘ich habe wenig Einfluss wieviel Scheiss mir in den Kopf kommt, aber ich habe alle Möglichkeiten, zu entscheiden wie lange es da bleibt’. Vielleicht eher ein bisschen grob beschrieben aber es liegt Wahrheit dahinter oder etwa nicht?

Und in diesem Sinne wünsche ich euch allen ein gutes neues Jahr.

Bleibt dran.

Macht’s gut und bis die Tage

Kategorien
Zeitgeist

Weihnachten 2020

Ich möchte meinen Lesern ein gutes Weihnachtsfest wünschen. Auf das ihr Frieden finden möget.

Ich erinnere mich an kein Weihnachten wie dieses. Meine Gedanken gehen zu denen die heute arbeiten, letzte Nacht in Krankenhäusern verbracht haben, als Patienten oder Pfleger, an die, die keine Arbeit mehr haben, an die, die sich ernsthaft Sorgen machen über die Zukunft, diejenigen die zu leiden haben in welcher Form auch immer, die Einsamen, die, die zu Hause keinen Frieden finden dürfen…meine Liste ist lang.

Es ist auch das letzte Weihnachten vor den großen Veränderungen in diesem erbärmlichen Land. Unsere dummen Politiker hier in England mögen sich aufplustern und schwelgen soviel sie wollen über was sie so selbstgerecht den ‘Deal’ mit Europa nennen. Mit unseren ‘Europäischen Freunden‘ so nennen sie das. 50 Jahre hart umkämpftes Recht über friedliche Koexistenz so einfach über Nacht über Bord zu werfen in einem Akt von politischem Vandalismus wie ich noch keinen erlebt habe. Das macht man nicht mit Freunden. Nicht in meinem Verständnis. Diese vollkommene Selbstgerechtigkeit die hier zu sehen ist, zusammen mit unfassbarer Dummheit hat ihr Ziel nun endlich erreicht, ein Ziel dass zweifellos noch viel Leid und Armut zur Folge haben wird. Und dann wird es obendrein noch als Erfolg gefeiert und dem leichtgläubigen Menschen im Land als Sieg verkauft, von einer narzisstischen und inkompetenten Führungselite die es eigentlich besser wissen müsste und sich, ehrlich gesagt, schämen sollte. Aber Scham hat heute eh keinen Stellenwert mehr. Es kann einem wirklich nur schlecht werden.

Die Geschichte wird nicht viel gutes zu sagen haben über unsere Zeiten und vor allem denen, die uns hätten durch diesen Morast führen sollen. Davon bin ich überzeugt.

Und dennoch, ich werde mich weiterhin hartnäckig um diejenigen kümmern denen ich zu helfen vermag, Brücken wieder aufbauen die ich selbst vielleicht auch vernachlässigt habe. Ich werde Barmherzigkeit beweisen wo ich es kann. Ich werde mich nicht herablassen, die modernen Mittel unserer Zeit zu verwenden wie Lug und Trug, Täuschung, fast faschistische Methoden, um andere von meinen Ideen und Überzeugungen zu infizieren, mit falschen Ideologien und dubiosen Initiativen. Ich werde weiterhin sagen was zu sagen ein Muss ist, auch wenn Redefreiheit ein gefährliches Gut geworden ist, ein Akt dem mehr und mehr rachsüchtige Strafe zu folgen scheint. In Zeiten von ‘wokeness’ und dem Zwang zur politischen ‘Correctness’ findet man es immer häufiger.

Ich bin kein Rassist und sexuelle Orientierung oder Religion sind mir gleich aber wenn Dinge nicht richtig sind, so werde ich es weiterhin sagen. ‘Wehret den Anfängen‘, nach diesem Motto wurde unsere Generation erzogen. Das war einmal. Wenn ich an Donald Trump denke, an die britischen Politiker wie Boris Johnson oder Gove, wenn ich die wie in schwarzen SS Uniformen gekleideten Grenzschützer sehe hier in England,…unzählige Beispiele könnte ich hier aufführen, da kann ich nur denken dass Göbbels weiterhin unter uns weilt und sein Unwesen treibt. Da kann ich nur denken dass wir nichts aus der Geschichte gelernt haben. Im Gegenteil, unsere Führungselite hier in England hat die Methoden unglaublich verfeinert, scheinbar über das hinaus was selbst die Nazis zu tun fähig waren.

All das kann ich nicht ändern aber ich kann in meiner unmittelbaren Umgebung sehr wohl etwas einbringen. Und das werde ich weiterhin tun. Ich werde Lügen beim Namen nennen. Einen Widerling einen Widerling nennen, was falsch ist, als falsch bezeichnen, und ich werde niemals mein Verlangen aufgeben, den Frieden und die Freiheit zu verteidigen, etwas für das Generationen ihr Leben geopfert haben. Es gibt weiterhin Hoffnung, das kleine Aktionen einen Unterschied machen, für meinem Gegenüber, für den Fremden. Wir können weiterhin unser Gewissen prüfen und wohltätig und menschlich agieren. Wir können vergeben und verzeihen. Wir sind befreiter wenn wir es tun.

Allen euch, die mir im letzten Jahr so sehr halfen, mein herzliches Dankeschön. All denen, denen ich vielleicht Unrecht tat, bitte vergebt mir.

Ich wünsche euch Kraft, Zutrauen, Geduld, Hoffnung, Zuversicht und Mut.

Macht’s gut und bis die Tage

Kategorien
Zeitgeist

3. Advent – Gaudete

Nur ein paar wenige Worte heute.

Es ist Advent. Für mich immer noch eine Zeit des Reflektierens, der Vorfreude und eines gewissen Erwartens auf Weihnachten. Und morgen ist zudem ‘Gaudete’ Sonntag. Es bedeutet ‘Freut euch’.

Ich habe schon seit sehr langer Zeit der Tendenz den Rücken zugekehrt, mich über zu viel Kommerzialisierung und Glitter zu beklagen in dieser Jahreszeit. Keiner zwingt mich zu alledem! Geb den Leuten ihren Glitter wenn sie es brauchen. Und wer an der Einkaufsdroge schwelgt, soll es doch tun dürfen wenn es ihm oder ihr Freude bereitet. Und ich sage, lasst die in Ruhe, die Weihnachten weiterhin nach christlichen Prinzipien feiern wollen und Advent dementsprechend verbringen, und verschont sie vom Zynismus der selbst benannten Besserwisser unserer Zeit.

Advent verschafft zudem willkommene Abwechslung vom Grau des Novembers, langen Nächten, kurzen Tagen, Nässe, Kälte…nicht mein Ding.

Wir alle brauchen irgendetwas auf das wir uns freuen können und das Warten darauf im Advent ist für mich jedenfalls Teil davon. Es gibt mir in der Tat Hoffnung. Ah, Hoffnung, und ihre kleine Schwester, die Freude, was wären wir schon ohne sie? Also, der Bedeutung nach von ‘Gaudete’ Sonntag, ‘freut euch’!

Wie jedes Jahr, versuche ich mich in diesem Advent etwas zu besinnen, noch einmal nachzudenken was so alles passiert ist dieses Jahr, noch passieren wird, am passieren ist, innerlich und in der Welt.

Und ich freue mich auf Weihnachten.

Macht’s gut, schönen Advent noch und bis die Tage

Kategorien
Übers Leben

60

Unglaublich. Aber ich habe es geschafft. Ich erinnere mich an Zeiten wo der Ausblick, vierzig zu werden noch so sehr in der Ferne lag. Und jetzt? Sechzig. Ohne Kriege durchleben zu müssen. Vieles von der Welt gesehen. Gute und weniger gute Zeiten. Und noch immer vom Virus verschont. Bis jetzt jedenfalls.

Vieles ist passiert in meiner Zeit ‘auf Wache’. Für vieles bin ich dankbar, Familie, Wohlstand, zum Beispiel. Anderes wirft mir Rätsel auf wie der allgemeine Verfall der Politik und seiner Vertreter und wenn ich an ‘fake news’ denke oder wie völlig überdrehtes ‘politisch korrektes’ Denken uns unserer Freiheit berauben droht, da bin ich mehr und mehr fassungslos. Aber das sind alles nur Beispiele.

Ziehe ich Fazit? Blicke ich zurück? Klar! Es ist wichtig. Aber das zu tun heißt für mich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen oder endlos darin zu wühlen, oder bewusst steckenbleiben in alten Wunden oder verletzenden Geschehnissen. Es geht um Würdigung dessen was ich erlebt habe, nicht um Vermeidung der Gegenwart oder Zukunft. Im sich zurück erinnern liegen Kräfte, auf die man zugreifen kann, dem Guten was geschehen ist und die Möglichkeit weniger Gutes zeremoniell fast zu schließen. Es geht nicht um Vermeidung des Jetzt und dem was kommen mag sondern um Kräfte zu sammeln und Perspektive für die weiteren Schritte im Leben wieviel oder wie wenig Zeit auch immer noch verbleibt. Viele Erinnerungen liegen versteckt in der Vergangenheit und doch bleiben sie erreichbar, verfügbar, für ein vielleicht letztes wieder aufnehmen, machen Kräfte frei für diese weiteren Schritte in die Zukunft.

Wenn man jung ist macht man bewusst oder unbewusst Pläne. Und jetzt scheint die Zeit reif, abzuwägen, was aus alledem geworden ist. Man ist erstaunt was man erreicht hat, vielleicht weit über den ursprünglichen Vorstellungen hinaus. In anderen Bereichen erkennt man, bereut man, das einiges so ziemlich anders gelaufen ist, eher weniger gut, durch Schicksal, Fehler, bewusstem Umdenken auf dem Wege oder ganz banalem, schmerzhaftem Scheitern. Und doch, mit Freude und Reue dicht beieinander, kann man nicht fehlen zu erkennen dass hier ein Schatz an Erkenntnissen liegt, Erfahrungen und wertvollen Einsichten. Sich daran zu erinnern, vielleicht ein letztes Mal, so richtig ordentlich und ernsthaft, gibt Stärke und Selbstvertrauen finde ich. Das hilft sehr beim Planen der nächsten Aktionen und Aktivitäten. Das man Manches doch noch einmal wagt, und besser schafft als beim letzten Mal. Und es gibt noch viel, was ich noch tun muss, noch einmal tun werde, wonach mir immer noch ist, was ich noch sagen möchte, noch sagen werde müssen.

Also, kein Hurra über alte Zeiten, kein Verbleiben bei alten kalten Kamellen sondern die Chance, jetzt endlich doch noch loszulassen von alten Vorurteilen, alter Wut, Unvergoltenem und befreit los zu ziehen in die Zukunft. Die Vergangenheit sprechen zu lassen und dem Rat den sie zweifellos zu geben fähig ist zu folgen. Wir können uns keine bessere Vergangenheit wünschen aber wir können ihr zu hören, uns inspirieren zu lassen für das Weitere was den Ausblick angeht, neue Pläne, Verhalten und Hoffnung.

Ja, hier, im wirklich ernsthaften Rückblick, liegt ein Schatz begraben, nicht nur für uns sondern auch für Andere, vor allem denen die uns nahe stehen.

Jeder mit ein paar Kilometern auf dem Tacho kann auf einen solchen Schatz zugreifen, selbst die, vielleicht sogar vor allen diejenigen, denen das Leben eher schwer fiel. Jemand der mit Drogen zu kämpfen hatte, oder mit Alkohol, kann viel erzählen wie es wirklich ist, war, was für Warnungen es gab, welches Leid daraus kam. Warnungen von solchen Menschen fallen vielleicht zunächst auf taube Ohren aber es werden Gedanken gesägt, die, über ihren eigenen Zeitraum eines Tages doch zu Erkenntnissen bei anderen führen können, vielleicht das Schlimmste vermeiden helfen. So können also selbst Fehler beim Einen doch noch zur Vermeidung derselben bei Anderen führen.

Oder auch Krisen, manche notwendig oder unvermeidbar, bei den großen Übergängen im Leben, wenn Alles an das man einst glaubte plötzlich nicht mehr zu gelten scheint und Neues bevorsteht mit allen Anreizen und Tücken. Solche Krisen vermitteln Erkenntnisse die es weiter zu geben gilt oder an die man sich erinnern kann für die eigenen nächsten Schritte.

Das gelebte Leben ist wie ein alter Baum. Über einen verwitterten harten Stamm Sitz eine gewachsene Krone aus vielen Ästen und Zweigen, voller Leben, Leben das wir geben und stützen, ein zu Hause geben, eine Welt in der sich anderes Leben entfaltet. Was für eine Verschwendung es wäre, das nicht zu erkennen und zu würdigen, um guten Herzens weiter zu machen, Neues zu wagen, mit Selbstvertrauen, gewachsen über viele Jahre durch Erfolge und Niederlagen.

Ja, und alte Kriegsbeile zu begraben und vielleicht doch noch zum Ende zu führen was man irgendwann einmal begann und was dennoch im Zahn der Zeit liegen blieb.

Ein Leser fragt mich was für einen Rat ich bereit bin zu geben, welches Fazit ich ziehen würde. Meine Antwort darauf ist: Schaffe gute Erinnerungen denn eines Tages wirst Du zurück blicken und dann kannst Du sagen, ein gutes Leben gelebt zu haben, trotz der Niederschläge.

Auch würde ich sagen dass ich um Vergebung bitte für meine Fehler und dankbar für alles was mir das Leben geschenkt hat.

Irgendwie zählt dieser Meilenstein mehr als andere zuvor. Ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte aber irgendwie weiß ich das jetzt. Ich kann es spüren. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Der Ausblick hat sich geändert. Ohne Zweifel. Es stand geschrieben, nur konnte ich es noch nicht lesen.

Heute beginnt etwas Neues. Eine weitere Reise. Ich werde vielleicht mehr darüber schreiben in der Zukunft.

Schließen werde ich heute mit dem Text eines Liedes, das ich in 2016 schrieb. In gewisser Weise sagt es alles, was noch zu sagen ist im Moment.

(Aus dem Englischen)

Niemals richtig bereit/vorbereitet

Schon sehr lange auf diesem Weg

Nicht einfach zurück zu denken

An die Anfänge

Als alles begann

Was anderes ist schon Zeit und Gedächtnis

Als ein altes verwittertes Lied

Nur die Melodie

Klingt noch nach

I kann nicht behaupten, damals so richtig vorbereitet gewesen zu sein

Alles hinter mich zu lassen

Doch eines Tages fuhr ich los

Nach England, schön gemächlich

Durch die Nacht

Seitdem stand die Welt ganz oft ganz einfach auf dem Kopf

Über die Jahre hinweg

Kam es mir nie in den Sinn

Die Hoffnung zu verlieren

Am Ende

Gab es immer einen Weg

In diesen Zeiten

Dachte ich nicht nach über die Wunder des Lebens

Wie Estland

Fand ich nie die richtigen Worte

Kann nicht behaupten, jemals so richtig

Vorbereitet gewesen zu sein

Mein Leben zu verstehen

Machte einfach was Väter so tun

Brachte die Ernte nach Hause

Während die Welt immer wieder

Auf dem Kopf stand

In den vielen Wandlungen im Leben

Fällst Du bisweilen

Es gibt Siege

Manchmal bist Du einfach am Ende

Es ist keine Schande, bisweilen am Boden zu

liegen

Nichts ist immer völlig umsonst

Man rauft sich wieder auf

Und fängt von vorne an

Als es mich traf, war ich nicht

darauf vorbereitet

Aber schaute nicht zur Seite

Und gewissermaßen

Ging es wieder los

Baute wieder auf von vorne

Aber es gab auch bittere Tränen

Während die Welt immer wieder auf

dem Kopf stand

Und die Zeit verging

Die Kinder finden ihren Weg

Im Spiegel erkenne ich mich bisweilen

weniger

Alternde Augen hinter denen

noch das Licht der Liebe brennt

Ist es eher Trauer oder Freude

Am Ende des Rennens?

Selbst jetzt bin ich noch nicht bereit

Alles hinter mich zu lassen

Und möchte weiterziehen zu Neuem

Heute

Zu tun was Männer tun

Zu lieben, freundlich und sorgenvoll

zu sein

Während die Welt immer wieder auf dem Kopf

steht

Macht’s gut, und bis die Tage

Kategorien
Übers Leben

Meine Rucksäcke

Für Ali

Kürzlich, während eines Notstands in der Brandauer Familie, gab mir der Notarzt 15 Sekunden, um noch ein paar Sachen zu schnappen, bevor es mit Blaulicht ins Krankenhaus ging. Ich brauchte 5 Sekunden.

Wie jüngere Pärchen, mit einem Baby auf dem Weg, vielleicht wissen (naja, sie sollten es wissen), es ist anzuraten, eine fertig gepackte Tasche bei der Türe zu haben für wenn der Zeitpunkt kommt. Ich habe jedenfalls immer eine solche Tasche bereit seitdem unsere Kinder geboren wurden. Ich werde euch nicht sagen was darin gepackt ist aber es ist so eigentlich alles was ich für 48 Stunden, oder auch länger, so brauche.

Diese Tasche, einer meiner drei Rucksäcke wie auf dem Bild, hat mich auf den Jakobswegen in Nordspanien begleitet, war seit langem auf allen Wochenendausflügen dabei, geht mit mir zu Arbeit, ist dabei auf Geschäftsreisen einschließlich einer vierwöchigen in den Süden Ägyptens letzten November, vor Covid-19. Die drei Rucksäcke die ich habe sind immer fertig gepackt für verschiedene Anlässe und Gelegenheiten.

Ich weiß eigentlich wirklich nicht warum ich das tue. Ich frage mich was ein Tiefenpsychologe darüber sagen würde. ‘Carl Brandauer will insgeheim weg von allem, hat es satt. Wartet auf die große Flucht’. Stimmt nicht. Ich hasse es eben nur, zu packen und ich vergesse Notwendiges wenn ich in Eile bin. Wie auch immer, vor zwei Wochen, als die große Krise kam, war ich wieder einmal froh, er war da, der vertraute Rucksack.

Vor einiger Zeit von einer netten Dame irgendwo im wunderschönen Südwesten Englands nach meinen eigenen Ideen gefertigt, sind alle drei eigentlich genauso wie ich sie brauche und wollte. Ich habe die Dame die sie für mich zusammen nähte nie getroffen, aber ich bin unendlich dankbar für diese allgegenwärtigen und hilfreichen Begleiter. Schöne Dinge können Freude bereiten. Nützliche Dinge können sehr viel helfen. Wenn Dinge beide Eigenschaften haben, und wenn man weiß dass sie nicht aus ausgenutzten verarmten Kinderhänden in armen Ländern für einen Hungerlohn entstanden sind…ich weiß nicht wie ich das sagen soll oder kann. Irgendwas stimmt hier und das fühlt man einfach nur.

Und mit so einem fertig gepackten Rucksack hat man auch zu lernen was wirklich gebraucht wird. Ich weiß nicht was Du zum Reisen brauchst aber ich habe gelernt was es für mich ist. Ein Lied dass ich auf dem Jakobsweg schrieb hat den folgenden Vers:

(Aus dem englischen)

….der Pilger verzichtet auf das

Was er nicht braucht

Ohne Entschuldigung

Alles muss getragen sein

Alles wiegt schwer

Das Gleiche mit Sorgen,

Trauer und Hass

Du lässt es zurück

Beim Erklimmen der Hügel

Und Freude kommt auf,

Friede und Hoffnung

Es mag vielleicht seltsam erscheinen, jemanden über Rucksäcke schwärmen zu hören, aber so ist das eben. Ich mag sie, meine Rucksäcke.

Macht’s gut und bis die Tage

ps. Um Dir die Frage zu ersparen, die Rucksäcke wurden gefertigt von

https://www.francli.co.uk/

Kategorien
Übers Leben

Krise

Einen geliebten Menschen zu verlieren, vielleicht sogar den meist Geliebten, oder vielleicht nur für eine kurze Zeit mit der Gewissheit zu leben, dass dem so ist, oder bald so sein wird, ist ein Umstand den ich niemanden wünsche. Und doch trifft jeden einmal irgendwann und irgendwie so eine Situation. So auch euren Carl Brandauer letzte Woche.

Alles verging und schneller als vermutet und mit überraschenden Erkenntnissen und Lösungen Doch die vielen Stunden der Ungewissheit haben Spuren hinterlassen. So ganz bin ich über all dieses noch nicht hinweg.

Ein freundlicher Pfarrer den ich gut kenne sagte einst in einer Predigt: „Wir müssen alle irgendwann einmal leiden!“ An diese Worte erinnere ich mich im Moment. Soviel ist sicher.

Es gibt eine ganze Menge netter Dinge, viel zu lange unausgesprochen, die jetzt ans Tageslicht kommen und gesagt werden. Jetzt, solange noch Zeit ist. Zeit, dieses unbekannte Wesen. Wir tun so als lebten wir für immer. Tun wir nicht. Wenn ihr etwas zu sagen habt, sagt es baldigst. Vielleicht gibt es keine weiteren Gelegenheiten mehr in Kürze, denn Überraschungen sind genau das, Überraschungen. Und sie erscheinen wenn man es am wenigsten braucht oder erwartet.

Ich lasse im Moment erst recht los von kleinlichen Ärgernissen und Streitereien. Und verzeihen ist auch nicht schlecht, solange das noch geht. Zu lösen und entschärfen während es noch möglich ist. Es befreit und man bereut einmal vielleicht weniger, es nicht versäumt zu haben, wenn die Stunde schlägt.

Ich schrieb vor ein paar Wochen vom Los Lassen und Im Moment Leben. Ich werde es jetzt nochmal nachlesen. Überhaupt gibt es jetzt viel zum nachdenken. Wer weiß, vielleicht werde ich in Kürze darüber schreiben.

Bleibt gesund und bis die Tage

Kategorien
Übers Leben

The Wanderer

‘Es kann weise nicht werden, der geworden nicht

An Wintern alt im Weltenreiche.’

So steht es geschrieben, in altdeutscher Übersetzung jedenfalls, im uralten angelsächsischen Gedicht ‘The Wanderer’. Meine jüngste Tochter verwies mich kürzlich auf dieses Werk und warf mich damit fast um.

Und der Erzähler fährt fort:

‘Der Weise sei geduldig,

Nicht zu hitzigen Blutes, noch zu hurtig in Worten,

Scheu nicht im Schwertkampf, noch zu schnell im Handeln!

Noch zu froh, noch zu furchtsam, noch zu vielbegehrlich,

Noch bereit zur Ruhmrede, ehe reif die Tat!

Ein Mann vermeide mutig zu prahlen,

Wie wacker er sei, eh‘ sich wohl erwiesen,

Wie des Willens Drang sich wenden möchte‘

Hier spricht eine Seele die alle möglichen Siege errungen hat, die Freuden der Treue zur Sippe kennt, umgeben von gleich Gesinnten sich einst gefühlt hat und angeführt vom vertrauten Heerführer und König. Doch das alles ist lange verloren. Zerstört in verlorenen Schlachten, zu Ruinen verkommen. So scheint es jedenfalls denn ‘The Wanderer’, der Suchende, der Verlorene, der umher Wandernde, sucht nach Worten, um mit Weisheit die Einsicht zu beschreiben die ein solches Leben, solche Erfahrungen ultimativ bescheren.

Lange ist es her, seitdem mich ein so relativ kurzer Text dermaßen beschäftigt hat, etwas mit solch bewegenden Worten Gefühlen, Erfahrungen und Einsichten beschrieben zu sehen, fast wie in Tränen konzentrierte Weisheit.

Doch für was steht Weisheit heute noch? Viele Junge äußern sich herablassend wenn sie das Wort hören. Sie können keine Weisheit ihr eigen nennen, also wird es abgetan. Und die Älteren die vielleicht doch ein bisschen weise sind, oder zu sein glauben, sie machen nicht viel Umstände damit, ist diese Weisheit doch immer mit schwierigen Lebenssituationen errungen worden, mit Krisen und Tiefen im Leben, selbst die kleinste Einsicht.

Das ist eben so mit der Weisheit. Sie hat ihren hohen und schmerzlichen Preis. Einen Preis den in welcher Form auch immer jeder von uns einmal bezahlen muss oder man hat nicht gelebt. Da vergeht einem das Grinsen und Angeben. St Augustinus war weise und auch Johannes vom Kreuz. Viele, viele andere ebenso, doch auch diese Heiligen und Weisen hatten ihre wilden Züge und Zeiten, gezeichnet von Trunkenheit, Raufereien und auch zahlreiche erbärmliche Affären standen auf dem Plan bevor die großen Verwandlungen ihren Lauf nahmen und diese Menschen zu Leitfiguren wurden, zu den großen Weisen wurden als die wir sie heute kennen. Was mich angeht, ich bin auf vieles in meiner Vergangenheit eher etwas weniger stolz und ich tat mich eher schwer mit solchen Verwandlungen. Bis heute fühle ich eine gewisse Reue, versuche gut zu machen. Wie steht’s bei Dir?

Was das Gedicht angeht, da muss ich bei gewissen Stellen schmunzeln wenn von gemeinsamen Feierlichkeiten in Trinkhallen die Rede ist, Freundschaft und der tiefe Sinn von Gemeinsamkeit. Doch all das im Gedicht ist in der Vergangenheit, verloren, vorüber, zerstreut in Ruinen.

Und doch ist auch von Trost zu hören in diesem alten Gedicht, denn es beginnt mit:

‘Gar oft erfährt der Einsame Gnade,

Die Hilfe des Herrn,

obgleich herzenstraurig‘

Auch die Einsicht ist hier offenbar dass Siege ihren Preis haben, und vor allem Niederlagen. Eigentlich ist wirklich alles im Gedicht enthalten was erwähnenswert ist und wann genau wurde es nochmal geschrieben ? Vor langer, langer Zeit. Wie wenig sich unsere Menschheit geändert hat, wirklich geändert hat. Und ich kann mir nicht helfen, aber der Gedanke kommt auf, dass dieses Gedicht gerade in der jetzigen Zeit wirklich relevant ist und nicht nur weil die Tage kürzer und die Nächte länger und kälter werden. Man muss hinaus in die Dunkelheit gehen, um die Sterne sehen zu können.

Beim Lesen diesen Gedichts räsoniert irgendwie etwas im Inneren bei mir. Ich glaube einmal, dass ich darüber noch lange nachdenken werde und mich auch mit der Frage beschäftigen muss warum das so ist, das mit der Resonanz. Eines jedenfalls ist jetzt schon klar. Das Gedicht hat nicht ohne Grund den Zahn der Zeit überlebt und ist doch wiederum sicher auch aus anderen Gründen weniger bekannt. Denn es braucht Mut, die Vergänglichkeit der Dinge, auch sich selbst, einzugestehen. Selbst die größten Reiche zerfallen irgendwann und machen Platz für etwas Neues. Auch müssen wir bereit sein, die Dinge die uns gegeben sind, nicht als selbstverständlich zu erachten und Sie zu ehren, denn sie werden nicht für immer sein. Nicht für uns, auch nicht für die, die nach uns kommen. All das gilt auch für die Welt in der wir leben, eine Welt die wir weitergeben müssen, und mehr zu schützen und zu erhalten versuchen sollten. Auch der Poet des Gedichtes hat darüber etwas zu sagen:

‘Wer klug ist erkenne, wie kläglich es ist,

Wenn der Wohlstand der

Welt verwüstet rings!

Wie nun allerorts in der

Erde Umkreis,

Vom Winde umwütet,

Wälle stehen,

Mit Reif behangen.

Zerrissen die Schutzwehr,

Der Weinsaal zerbröckelt.

Der Wonne ledig

Liegen die Herrscher, die

Heerschar fiel,

Die kühne, beim Burgwall:

Kampf trug sie fort

Auf die ferne Fahrt; ein

Vogel trug diesen

Auf die hohe Holmflut,

jenen haargraue Wölfe

Zu Tode brachten;

traurigen Antlitze ‚

Ich bin jedenfalls meiner Tochter sehr dankbar für dieses Gedicht.

Es hat mich einhalten lassen und mich zum besseren Zuhören verleitet über was sich hier so alles abspielt in der Welt, was passiert ist, was passiert und was geschehen mag.

Lest dieses Gedicht. Es lohnt sich.

Eine gute altdeutsche Übersetzung gibt es hier.

https://glaemscrafu.jrrvf.com/german/wanderer.html

Macht’s gut und bis die Tage

Kategorien
Übers Leben

Camino Primitivo

Ein Ausblick vom Camino Primitivo, den ältesten der Jakobswege im Norden Spaniens. Weniger bekannt als sein berühmtes Gegenstück, der Camino Frances, führt dieser nicht über die Pyrenäen sondern von der Nordküste Spaniens über die sehr steinigen Wege Asturiens nach Santiago di Compostella.

Begangen vor drei Jahren blicke ich noch heute, und gerade heute, auf diese Pilgerreise zurück. Man läuft mit nur wenig Gepäck. Alles muss getragen werden. Jeden Tag auf 20-30 km langen Routen. Über Stock und Stein, bergauf und bergab. Ich hatte immer gedacht, dass solche Strecken zu laufen kein Problem ist. Ist es eigentlich auch nicht. Doch es jeden Tag zu laufen, das ist etwas ganz anderes. Das kann man nicht erklären. Das muss man nur spüren und alles ist klar. So einiges an fehlerhaften Gedanken bleibt auf der Strecke. Die Maske fällt ab und der eigene Kern kommt unentstellt zu Tage. Was bleibt ist nur sich selbst wie man wirklich ist. Tränen können fließen wenn der Regen kommt und man noch Stunden von schweren Wegen vor sich hat zur nächsten Herberge, ohne Schutz vor den Naturgewalten, nur mit sich selbst allein auf langen, schwierigen Wegen. Asturien zu belaufen ist darüber hinaus nur mit großer Ausdauer begehbar. Fast nie gibt es gerade Wege. Immer geht es hoch und runter, oft steil und gefährlich, vor allem wenn es regnet, oder wie bei mir, wenn es schneit im April. Das Wetter im Norden Spaniens kann tückisch sein.

In diesen ungewissen Zeiten heute, mit sehr großen Sorgen auch bei mir, wie viele andere Menschen auch, denke ich unweigerlich zurück an diese Pilgerreise. Existentielle Fragen stehen an, Fragen über Job, Sicherheit, Lebensunterhalt, Gesundheit und vieles mehr. Damit zu leben ist nicht leicht. Und doch erinnere ich mich an diese Wanderung auf der ich in große Not geriet. Auch das gehört zum Weg, die Gefahr, Unfälle, Krisen.

Wie leicht unser ‚Lot‘ ist, das ‘Gepäck’ das wir täglich zu tragen haben, ist nicht immer in unserer Hand wie es auf einer langen Wanderung ist. Und doch kann man, muss man vielleicht sogar, von gewissen und nicht authentischen Dingen, und vor allem schlechten Gedanken, loslassen. In gewisser Hinsicht hat man da keine Wahl mehr. Nein, nicht immer können wir entscheiden wieviel wir täglich zu tragen haben, aber wir können entscheiden wie wir es tragen und vielleicht auch wie schnell wir gehen und wie oft wir Pause machen. Auch ich muss mich im Moment wieder mehr daran erinnern. Häufiger als sonst, auch ohne Coronavirus.

Am Ende des Weges – und es gibt immer ein Ende – steht vielleicht ein warmer Ofen, oder das gütige Herz eines Fremden mit dem man die Sorgen teilt im Gespräch. Oder der unerwartete Wetterumschwung und der etwaige Hoffnungsschimmer, dass schon alles wieder wird. Ich halte mich an solchen Erinnerungen gerne fest, helfen sie doch selbst in den düstersten Momenten. Wie St Julian von Norwich einst sagte: „Alles wird gut sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut sein“.

Macht’s gut und bis die Tage.