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Übers Leben

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Unglaublich. Aber ich habe es geschafft. Ich erinnere mich an Zeiten wo der Ausblick, vierzig zu werden noch so sehr in der Ferne lag. Und jetzt? Sechzig. Ohne Kriege durchleben zu müssen. Vieles von der Welt gesehen. Gute und weniger gute Zeiten. Und noch immer vom Virus verschont. Bis jetzt jedenfalls.

Vieles ist passiert in meiner Zeit ‘auf Wache’. Für vieles bin ich dankbar, Familie, Wohlstand, zum Beispiel. Anderes wirft mir Rätsel auf wie der allgemeine Verfall der Politik und seiner Vertreter und wenn ich an ‘fake news’ denke oder wie völlig überdrehtes ‘politisch korrektes’ Denken uns unserer Freiheit berauben droht, da bin ich mehr und mehr fassungslos. Aber das sind alles nur Beispiele.

Ziehe ich Fazit? Blicke ich zurück? Klar! Es ist wichtig. Aber das zu tun heißt für mich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen oder endlos darin zu wühlen, oder bewusst steckenbleiben in alten Wunden oder verletzenden Geschehnissen. Es geht um Würdigung dessen was ich erlebt habe, nicht um Vermeidung der Gegenwart oder Zukunft. Im sich zurück erinnern liegen Kräfte, auf die man zugreifen kann, dem Guten was geschehen ist und die Möglichkeit weniger Gutes zeremoniell fast zu schließen. Es geht nicht um Vermeidung des Jetzt und dem was kommen mag sondern um Kräfte zu sammeln und Perspektive für die weiteren Schritte im Leben wieviel oder wie wenig Zeit auch immer noch verbleibt. Viele Erinnerungen liegen versteckt in der Vergangenheit und doch bleiben sie erreichbar, verfügbar, für ein vielleicht letztes wieder aufnehmen, machen Kräfte frei für diese weiteren Schritte in die Zukunft.

Wenn man jung ist macht man bewusst oder unbewusst Pläne. Und jetzt scheint die Zeit reif, abzuwägen, was aus alledem geworden ist. Man ist erstaunt was man erreicht hat, vielleicht weit über den ursprünglichen Vorstellungen hinaus. In anderen Bereichen erkennt man, bereut man, das einiges so ziemlich anders gelaufen ist, eher weniger gut, durch Schicksal, Fehler, bewusstem Umdenken auf dem Wege oder ganz banalem, schmerzhaftem Scheitern. Und doch, mit Freude und Reue dicht beieinander, kann man nicht fehlen zu erkennen dass hier ein Schatz an Erkenntnissen liegt, Erfahrungen und wertvollen Einsichten. Sich daran zu erinnern, vielleicht ein letztes Mal, so richtig ordentlich und ernsthaft, gibt Stärke und Selbstvertrauen finde ich. Das hilft sehr beim Planen der nächsten Aktionen und Aktivitäten. Das man Manches doch noch einmal wagt, und besser schafft als beim letzten Mal. Und es gibt noch viel, was ich noch tun muss, noch einmal tun werde, wonach mir immer noch ist, was ich noch sagen möchte, noch sagen werde müssen.

Also, kein Hurra über alte Zeiten, kein Verbleiben bei alten kalten Kamellen sondern die Chance, jetzt endlich doch noch loszulassen von alten Vorurteilen, alter Wut, Unvergoltenem und befreit los zu ziehen in die Zukunft. Die Vergangenheit sprechen zu lassen und dem Rat den sie zweifellos zu geben fähig ist zu folgen. Wir können uns keine bessere Vergangenheit wünschen aber wir können ihr zu hören, uns inspirieren zu lassen für das Weitere was den Ausblick angeht, neue Pläne, Verhalten und Hoffnung.

Ja, hier, im wirklich ernsthaften Rückblick, liegt ein Schatz begraben, nicht nur für uns sondern auch für Andere, vor allem denen die uns nahe stehen.

Jeder mit ein paar Kilometern auf dem Tacho kann auf einen solchen Schatz zugreifen, selbst die, vielleicht sogar vor allen diejenigen, denen das Leben eher schwer fiel. Jemand der mit Drogen zu kämpfen hatte, oder mit Alkohol, kann viel erzählen wie es wirklich ist, war, was für Warnungen es gab, welches Leid daraus kam. Warnungen von solchen Menschen fallen vielleicht zunächst auf taube Ohren aber es werden Gedanken gesägt, die, über ihren eigenen Zeitraum eines Tages doch zu Erkenntnissen bei anderen führen können, vielleicht das Schlimmste vermeiden helfen. So können also selbst Fehler beim Einen doch noch zur Vermeidung derselben bei Anderen führen.

Oder auch Krisen, manche notwendig oder unvermeidbar, bei den großen Übergängen im Leben, wenn Alles an das man einst glaubte plötzlich nicht mehr zu gelten scheint und Neues bevorsteht mit allen Anreizen und Tücken. Solche Krisen vermitteln Erkenntnisse die es weiter zu geben gilt oder an die man sich erinnern kann für die eigenen nächsten Schritte.

Das gelebte Leben ist wie ein alter Baum. Über einen verwitterten harten Stamm Sitz eine gewachsene Krone aus vielen Ästen und Zweigen, voller Leben, Leben das wir geben und stützen, ein zu Hause geben, eine Welt in der sich anderes Leben entfaltet. Was für eine Verschwendung es wäre, das nicht zu erkennen und zu würdigen, um guten Herzens weiter zu machen, Neues zu wagen, mit Selbstvertrauen, gewachsen über viele Jahre durch Erfolge und Niederlagen.

Ja, und alte Kriegsbeile zu begraben und vielleicht doch noch zum Ende zu führen was man irgendwann einmal begann und was dennoch im Zahn der Zeit liegen blieb.

Ein Leser fragt mich was für einen Rat ich bereit bin zu geben, welches Fazit ich ziehen würde. Meine Antwort darauf ist: Schaffe gute Erinnerungen denn eines Tages wirst Du zurück blicken und dann kannst Du sagen, ein gutes Leben gelebt zu haben, trotz der Niederschläge.

Auch würde ich sagen dass ich um Vergebung bitte für meine Fehler und dankbar für alles was mir das Leben geschenkt hat.

Irgendwie zählt dieser Meilenstein mehr als andere zuvor. Ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte aber irgendwie weiß ich das jetzt. Ich kann es spüren. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Der Ausblick hat sich geändert. Ohne Zweifel. Es stand geschrieben, nur konnte ich es noch nicht lesen.

Heute beginnt etwas Neues. Eine weitere Reise. Ich werde vielleicht mehr darüber schreiben in der Zukunft.

Schließen werde ich heute mit dem Text eines Liedes, das ich in 2016 schrieb. In gewisser Weise sagt es alles, was noch zu sagen ist im Moment.

(Aus dem Englischen)

Niemals richtig bereit/vorbereitet

Schon sehr lange auf diesem Weg

Nicht einfach zurück zu denken

An die Anfänge

Als alles begann

Was anderes ist schon Zeit und Gedächtnis

Als ein altes verwittertes Lied

Nur die Melodie

Klingt noch nach

I kann nicht behaupten, damals so richtig vorbereitet gewesen zu sein

Alles hinter mich zu lassen

Doch eines Tages fuhr ich los

Nach England, schön gemächlich

Durch die Nacht

Seitdem stand die Welt ganz oft ganz einfach auf dem Kopf

Über die Jahre hinweg

Kam es mir nie in den Sinn

Die Hoffnung zu verlieren

Am Ende

Gab es immer einen Weg

In diesen Zeiten

Dachte ich nicht nach über die Wunder des Lebens

Wie Estland

Fand ich nie die richtigen Worte

Kann nicht behaupten, jemals so richtig

Vorbereitet gewesen zu sein

Mein Leben zu verstehen

Machte einfach was Väter so tun

Brachte die Ernte nach Hause

Während die Welt immer wieder

Auf dem Kopf stand

In den vielen Wandlungen im Leben

Fällst Du bisweilen

Es gibt Siege

Manchmal bist Du einfach am Ende

Es ist keine Schande, bisweilen am Boden zu

liegen

Nichts ist immer völlig umsonst

Man rauft sich wieder auf

Und fängt von vorne an

Als es mich traf, war ich nicht

darauf vorbereitet

Aber schaute nicht zur Seite

Und gewissermaßen

Ging es wieder los

Baute wieder auf von vorne

Aber es gab auch bittere Tränen

Während die Welt immer wieder auf

dem Kopf stand

Und die Zeit verging

Die Kinder finden ihren Weg

Im Spiegel erkenne ich mich bisweilen

weniger

Alternde Augen hinter denen

noch das Licht der Liebe brennt

Ist es eher Trauer oder Freude

Am Ende des Rennens?

Selbst jetzt bin ich noch nicht bereit

Alles hinter mich zu lassen

Und möchte weiterziehen zu Neuem

Heute

Zu tun was Männer tun

Zu lieben, freundlich und sorgenvoll

zu sein

Während die Welt immer wieder auf dem Kopf

steht

Macht’s gut, und bis die Tage

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